TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

April 1945

Mittwoch, 11. April 1945

Franz ist tot. Ich bin noch immer wie betäubt. Vor zwei Tagen, am Montag, kam Paul Kuhn ins Lazarett. Er sah nicht gut aus.

„Komm.“ Mit ernstem Gesicht zog er mich am Arm in eine Ecke. Ehe ich fragen konnte, was das sollte, packte er meine Schultern, sah mich an und sage: „Franz ist gefallen.“

Ich hörte die Worte, doch mein Verstand weigerte sich, sie zu begreifen. Es dauerte Sekunden, bis ich die Tragweite dieser drei Worte verinnerlicht hatte. Ein entsetzlicher Schmerz breitete sich in meiner Brust aus und ich brach schreiend und weinend zusammen.

Nie wieder werde ich Franz in die Arme schließen können, an seiner Brust Geborgenheit finden, mit ihm durch Jules Vernes fantastische Welten träumen; nie wieder kann ich durch seine blonden Haare streichen, ihn riechen, schmecken, fühlen...

Wie kann Gott so etwas zulassen? Ich würde mir am liebsten ein Kugel in den Kopf jagen.

Donnerstag, 12. April 1945

Paul war heute noch einmal da um zu gucken, wie es mir geht. Er meinte, jemand müsste ja auf mich aufpassen. Dann erzählte Paul, wie Franz gestorben ist. Seit Tagen rückten die Russen von Westen her Richtung Innenstadt vor. Pöpelwitz war schon verloren, am Wochenende ging es um das Areal des Eichenparks sowie den Bahndamm. Züge fuhren hier keine mehr, die Bahnbrücke über die Oder ist zerstört. Die Gruppe, der Franz und Paul angehörten hatte zur Aufgabe, feindliche Panzer zu stoppen. Beim Stellungswechsel geriet man unter Beschuss und ehe eine neue schützende Deckung gefunden wurde, erwischte es Franz und noch zwei weitere Soldaten. Gebracht hat es alles nichts, einen Tag später war der Eichenpark verloren und ein zähes Ringen um den Bahndamm hat begonnen.

Eine Frage lag mir auf der Zunge und Paul schien sie erraten zu haben.

            „Franz war sofort tot und hat nicht gelitten.“ Bei allem Schmerz war es für mich ein kleiner Trost zu wissen, dass mein Schatz nicht langsam auf dem Schlachtfeld unter grässlichen Qualen verblutet ist. Die Leere in mir aber, dieser grässliche Schmerz, bleibt bestehen.

Irgendwie verliert alles um mich herum für mich an Bedeutung. Es macht mir beinahe Angst, aber ich kann nicht anders.
 

Freitag, 13. April 1945

Die Angriffe finden auch weiterhin unvermindert statt. Tag für Tag nach dem gleichen Schema: Morgens Artillerie, dann Jäger und Bomber bis zum Mittag, denen später dann eine weitere Angriffswelle folgt. Das System erkennt man aber eigentlich nur, wenn man oben ist und nicht wie wir hier unten leben.

Ich bin schon seit Tagen nicht aus dem Lazarettbunker herausgekommen, es war einfach zu viel los und eigentlich bin ich froh, dass ich von früh bis spät in Trab gehalten werde. Obgleich von früh bis spät hier unten auch keine Bedeutung mehr hat. Eher ein vom wach werden bis zum erschöpft einschlafen. Nur wenn ich mich wie jetzt für ein paar Stunden ausruhen und hinlegen kann, dann schweifen meine Gedanken unweigerlich ab zu Franz und schon rinnen wieder die Tränen.

Einen netten Moment gab es heute aber auch. Gegen Mittag, das war an den ausbleibenden Erschütterungen durch die Bomben zu erkennen, kamen zwei Mädel zu uns in den Bunker. Sie haben hier bis vor zwei Wochen wie ich als Helferin gedient und sich dann als Blitzmädel gemeldet haben. Judith und Miri sahen irgendwie unwirklich aus in ihren graugrünen Uniformen. Ich habe sie ja eigentlich immer nur in Schwesterntracht gesehen. Heute brachten die beiden einen Napfkuchen vorbei und blieben für vielleicht eine halbe Stunde da. Ich hoffe nur, den beiden passiert da draußen nichts.


Donnerstag, 19. April 1945

Ich werde gleich etwas wohl sehr verrücktes tun, aber ich halte es nicht mehr aus, hier im Lazarett zu hocken und kaum etwas tun zu können. Heute Mittag war unter den Verletzten, die zu uns gebracht wurden, war Sigi Freimann. Er hatte einen Bauchschuss, eine Menge Blut verloren und war fast besinnungslos. Zuletzt hatte ich Sigi im November gesehen, kurz nach Janas Tod und dem der anderen drei.

Jetzt lag er hier vor mir und starrte mich an. Seine Kameraden hatten ihm wohl einige Ladungen Morphium injiziert , bevor sie ihn ins Lazarett brachten. Immerhin ließen sie ihn nicht einfach liegen und sterben. Doch auch wir hatten keine Möglichkeit, ihm noch zu helfen.

Ich beugte mich über ihn, sagte irgendetwas beruhigendes und fragte, ob er Schmerzen hätte. Sigi nickte stumm und ich gab ihm, nicht ganz erlaubt, eine große Injektion. Mir war bewusst, dass Sigi diese Liege nicht mehr lebendig verlassen würde und war froh, dass mich niemand zu einem anderen Verletzten holte. So konnte ich Sigis Hand halten und warten. Sigi hatte Tränen in den Augen, er hatte Angst. Dann aber entspannte sich sein Gesichtsausdruck. „Besser?“ fragte ich und Sigi nickte wieder. Er versuchte etwas zu sagen, doch die Stimme versagte ihm ihren Dienst. Irgendwoher hatte er Blut im Mund. Ich führte mein Ohr dicht an Sigis Mund und verstand die von ihm mühsam geflüsterten Worte. „Bleib übrig, Nadine.“

Fünf Minuten später war Sigi wieder mit seiner Jana zusammen.  

In diesem Augenblick überkam mich ein Gefühlssturm aus Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Und vor allem Wut. Wut auf den Russen, der die Stadt in Flammen aufgingen ließ, mir den Menschen nahm, dem mein Herz gehörte. Wut auf den Führer, der dieses Land in den Krieg gestürzt hatte.

Ich halte es nicht mehr länger aus, hier im Bunker einen Toten nach dem andern in Leichentücher zu legen und habe mir unbemerkt Sigis Waffe und Patronengurt angeeignet. Aus dem Magazin habe ich mir eine Uniform geholt. Die noch aus Afrika stammende Erkennungsmarke, den Wehrpass und mein Soldbuch habe ich noch immer bei meinen wenigen Habseligkeiten gehabt und wenn ich diese Zeilen zuende geschrieben habe, dann ziehe ich meine Schwesterntracht für immer aus und gehe nach oben und schicke alle zur Hölle, die mir Franz und alle weiteren mir lieben genommen hat.
 

Freitag, 20. April 1945

Heute ist Führers Geburtstag. Aber dieses Mal ist die Stadt nicht mehr geschmückt, nicht geflaggt  Meine Flucht gestern aus dem Lazarett war leichter, als gedacht. Es passierte nämlich gar nichts, als ich statt in weißem Kittel in Uniform aus dem kleinen Umkleidekabuff trat. Aus Gesprächen mit den Soldaten im Lazarett wusste ich, dass es in den Kellern des Postscheckamtes am Stadtgraben ein provisorisches Quartier der Festungskommandantur gab, wo sich auch versprengte Soldaten hinzuwenden hatten. Ich bin durch die Innenstadt gelaufen und war erschrocken, wie viele Gebäude hier zerstört waren. Maurer würden hier bald sehr gesuchte Leute sein. Gegen 18 Uhr erreichte ich das fast noch komplett erhaltende Postscheckamt und wollte dort meine Geschichte vortragen, die ich zu meinem alleinigen Auftritt dort zurecht gelegt hatte. Doch niemand fragte. An einem Tresen nahm man sich nur meines Soldbuchs an und wies mir einen Stuhl zu, auf dem ich zu warten hätte.  Es ging ziemlich hektisch zu. Eine Menge uniformierter Leute wuselte umher. Plötzlich wurde es auf einmal still. Einige Hacken wurden zusammengeschlagen und zackig gegrüßt, als eine Gruppe von vier Männern eilig durch die Halle marschierten. General Hermann Niehoff, der Festungskommandant. Ich hatte sein Bild vor einiger Zeit in der Schlesischen Tageszeitung gesehen.

            „Unteroffizier von Hohenwaldt?“ wurde ich dann irgendwann aufgerufen. Ich erhob mich und ging zu dem Offizier hinüber.

            „Sie übernehmen eine zehn Mann starke Truppe, halb Frontsoldaten, halb Volkssturm. Ihr Zielgebiet ist die nördliche Rosenthaler Straße, der Kleinbahnhof sowie der Odertor-Bahnhof.“

Ich versuchte zu entgegnen, dass ich keine Kommandoerfahrung hätte und verfluchte insgeheim die Schummelei im Soldbuch, deren Urheber seinerzeit der gute Hans Schröder war.

Meine Bedenken wurden unwirsch beiseite gefegt. In diesen Zeiten müsse man manchmal einfach über sich hinauswachsen.

Nach einem Marsch durch etliche Gänge und Treppen kamen wir zu einem Raum, in dem „meine“ zehn Mann warteten. Unter ihnen erkannte ich den Paul. Überrascht rief er meinen Namen aus. Ehe ich etwas antworten konnte, hob der Offizier die Stimme.

            „Unteroffizier von Hohenwaldt übernimmt diese Einheit. Sie werden jetzt verproviantiert und mit Waffen und Munition ausgestattet. Dass der Nachschub begrenzt ist, wissen sie. Also nicht wie die Verrückten in der Gegend herumballern.“

Ich sah Paul ungläubig gucken und wortlos das „Unteroffizier“ wiederholen.

 Während wir zum Magazin pilgerten, der Oberstleutnant vorweg, ich ihm nach, hinter mir der Stabsgefreite Kuhn und dann die vier weiteren Wehrmachtsoldaten und fünf Volksstürmer, die alle noch nicht den Anschein erwecken, schon eine Waffe tragen zu dürfen. Während wir unterwegs waren wurde ich informiert, dass Paul mir bei der Führung der Gruppe zur Hand gehen sollte und wir um Himmels Willen keine Handbreit Boden dem Feind überlassen sollten.

Eine Viertelstunde darauf marschierten wir im Dunklen in Richtung Norden, überquerten noch die Universitätsbrücke und richteten uns dann für die Nacht in einem Keller in der Salzstraße ein. Gesprochen wurde nicht viel. Ich muss mir für die kommenden Tage wohl rasch eine Strategie einfallen lassen, um nicht von meinen eigenen Leuten erschossen zu werden. Ich gehe in Gedanken meine Zeit in Afrika durch und halte mir vor Augen, wie die Offiziere dort ihre Leute geführt haben. Das jetzige Nachtlager war meine erste Kommandoentscheidung, und sie wurde prompt akzeptiert. Die erfahrenen Soldaten freuen sich wohl noch über ein paar Stunden Frist, während die Burschen vom Volkssturm am liebsten sofort losgezogen wären, um ihre Stadt zu verteidigen. Ähnliche Beweggründe treiben mich ja selbst an.

Paul hatte sich einen Spaß draus gemacht, mit übertriebener Ehrerbietung mir gegenüber zu salutieren und zu melden: „Nachtlager eingerichtet, Frau Unteroffizier! Zwei Mann als Wache postiert.“

Er wurde aber ernst, als ich ihm berichtete, dass Sigi gestern verstorben war. Das erzählte ich Paul in einer stillen Ecke des Kellers, während sich die Männer in einem anderen Winkel auf einem kleinen Ölkocher einen Tee kochten. Vor zwei Wochen hatte Paul mir von Franz Tod berichtet, jetzt musste ich ihm auf ähnliche Weise vom Fall eines seiner besten Kumpels erzählen. Er war der letzte der Dreiertruppe, der jetzt noch am Leben war.  Ziemlich blass ist er jetzt Wache schieben und ich werde mich gleich einen Augenblick aufs Ohr hauen.

Donnerstag, 26. April 1945

Habe heute Nacht von Franz geträumt. Es ist wohl nicht länger als ein Jahr her, als wir beide im Frühjahr durch den Wald spaziert sind. Noch immer glaube ich den Duft zu riechen, den der feuchte Wald absonderte. Es roch einfach nach Wald. Nach dem nassen Holz, nach Frühling. Weiter träumte ich, wie wir uns dann unter einem dichtbewachsenen Baum zusammenkauerten, als es plötzlich anfing zu regnen. Damals ist alles ganz züchtig verlaufen, doch in meinem Traum sind wir viel weiter gegangen, als wir uns zu jener Zeit jemals getraut hätten.

Einsetzendes Artilleriefeuer hat mich leider ruckzuck zurück in die Realität geholt und es verbleibt nur eine drückende Leere in mir, eine verzehrende Sehnsucht nach meinem Liebling.