TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Februar 1945

Donnerstag, 08. Februar 1945

Wir haben es wirklich geschafft. Seit einigen Tagen nun sind Mama und ich bei der Familie Wildberger in Freudenberg zu Gast und herzlich aufgenommen worden. Mama und ich haben den Marsch einigermaßen gut überstanden, aber es war nicht leicht. Mit meiner lädierten Hand war ich nur bedingt mobil und habe mich mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken mehrfach langgelegt auf der verscheiten und vereisten Straße. Auch Mama hatte einen Rucksack dabei. Das wichtigste aber war warme Kleidung. Natürlich hatten wir kein Thermometer mit, aber man munkelt, es wären gut und gerne 20 Grad minus in der Nacht geworden. Doch auch tagsüber wurde es nicht sehr viel wärmer.

Zunächst gesellten wir uns am Morgen des 22. Januars in den Strom von Flüchtlingen, der über die Landstraße gen Opperau zog. Es ging nicht schnell voran, obgleich es jeder eilig hatte. Aber es waren zu viele Leute. An den Straßenrändern häuften sich schon bald zurückgelassene Beutel, Taschen oder Koffer. Und dann sahen wir den ersten Menschen im Schnee liegen. Es war nicht mehr zu erkennen, ob Mann oder Frau. Mama blieb erschrocken stehen, unfähig sich zu rühren. Die anderen Menschen zogen einfach vorbei, ohne Notiz zu nehmen. Nur fort, war die Devise. Mühsam stapfte ich durch den hohen Schnee und versuchte mit der rechten Hand, die Person umzudrehen, der Drang zu helfen kam auf. Jedoch war der Körper schon halb eingeschneit und festgefroren. Meine Kraft reichte nicht aus und ich resignierte.

Mama stand noch immer da, schüttelte den Kopf und starrte fassungslos das eisige Grab an. Tränen liefen über ihre Wangen. Ich habe sie in den Arm genommen, bis sie sich etwas beruhigt hat.

Die erste Nacht verbrachten wir auf der Straße im Treck, wir sind einfach weiter marschiert. Es gab keine geschützten Stellen, keine Scheunen oder gar Gasthäuser, wo man sich ein paar Stunden hätte ausruhen können.

Wir sprachen nicht viel. Auch um uns herum wurde so gut wie nicht gesprochen. Man reduziert seine Welt nur noch auf den Weg, der vor einem liegt. Schritt um Schritt geht es vorwärts. Selbst die immer zahlreicheren Toten am Straßenrand erregen einen irgendwann nicht mehr.

Ich habe Mama noch nie so versteinert und ernst erlebt. Manchmal, wenn sie stolperte und in den Schnee fiel und sich mühsam wieder aufrappelte, da fragte ich mich, ob sie diesen Gang überstehen würde. Verzweifelt kämpften wir uns vorwärts. Wir sahen Mütter, die sich ihre Babys auf den Rücken gebunden hatten und jetzt nur noch einen gefrorenen Leichnam mit sich trugen.

Angst machte sich in mir breit. Die Kälte kroch auch durch die letzten Schichten Kleidung und am Ende des zweiten Tages machte ich mir langsam Gedanken, ob ich selbst noch lange durchhalten kann. An diesem Abend fanden wir Unterschlupf in einem kleinen Schuppen etwas abseits der Chaussee. Zusammen mit rund zwanzig weiteren Leuten und einigen Erstarrten. Mama und ich kuschelten uns aneinander. Bedeutend wärmer war es zwar auch nicht, aber immerhin ging kein Wind und wir hatten es trocken. Was mich in dieser Nacht wachgehalten hat, war nicht die Kälte in Fingern und Füßen sondern ein unangenehmes Brennen beim Wasser lassen und ein ständiger Harndrang. – Ich hatte mir die Blase verkühlt.

Am nächsten Morgen erhoben sich von den Anwesenden nur noch neun Leute. Mama schlug sich mit grässlich klingendem Husten herum, doch nach ein paar Stunden Rast und ein wenig Proviant glauben wir den anbrechenden Tag angehen zu können. Vor uns lagen vielleicht noch 30 Kilometer bis Freudenberg. Wenn wir uns heranhalten, würden wir am Abend dort sein. Auf Mamas Rat hin trage ich jetzt noch ein zusammengefaltetes Hemd als Einlage im Schlüpfer. Ich kam mir zwar vor wie ein gewickeltes Baby, aber ebenso war mir klar, dass ich nicht alle paar Minuten hinter einem Busch oder so den Rock heben konnte, nur um ein paar vereinzelte Tropfen abzuschlagen. Die Aussicht, mich am Abend gründlich reinigen zu können, gab mir genug Kraft, um das ganze „stark wir eine von Hohenwaldt“ zu ertragen. Die Rucksäcke hatten wir um einige Sachen erleichtert. Mama meinte, dass wir lieber arm aber lebendig ankommen als dass wir uns im wahrsten Sinne des Wortes totschleppen würden.

 Na ja, geschafft haben wir es wirklich am gleichen Tage. Freudenberg liegt nicht direkt an der Landstraße, die weiter gen Westen führt, und so war hier auch von dem in der Nähe vorbeiziehenden Flüchtlingsstroms nicht viel zu bemerken.

Als ab dem Mittag ein heftiges Schneetreiben einsetzte, wurde der Marsch wirklich ungemütlich. Der Wind blies uns direkt von vorn den Schnee entgegen. Die Beine wurden immer schwerer und immer häufiger stürzte eine von uns. Ich fragte mich, wir lange wir dies noch durchstehen konnten, ehe eine von uns nicht wieder aufstehen würde.

Den Wegweiser nach Freudenberg hätten wir fast übersehen. Den letzten Kilometer hat Mama mich immer wieder angetrieben. Ich war fertig und kurz davor, einfach liegen zu bleiben, wenn ich wieder einmal stolperte und im kalten Schnee landete. Doch jetzt bot Mama ihre letzten Kraftreserven auf, bis wir endlich vor dem gesuchten Haus ankamen.

Wir hatten von Tante Anna je ein Schreiben von ihr an ihre Schwester erhalten, falls wir getrennt würden. Außer uns sind hier in dem kleinen Haus, dass die Wildberger bewohnen, noch acht weitere Breslauerinnen. Alle hierher geschickt von Tante Anna.

Helfende Hände holten uns ins Haus und nach wenigen Worten kamen wir in einen kleines Bad mit einer Duschecke. Aus einem Luftschacht kam heiße Luft herein.  Weder Mama noch ich sprachen viel. Frau Wildberger zeigte uns schnell, wie die Armaturen funktionierten, legte Handtücher und frische Kleider auf einen Hocker und ließ uns dann alleine. Mühsam und noch immer vor Kälte bibbernd schälten wir uns aus den nassen Kleidern. Das heißt, mit meiner kaputten Hand konnte ich mich kaum rühren und Mama musste mir aus den nassen und streng riechenden Sachen helfen.

Ich ließ es mit mir geschehen, plötzlich wurde mir schwindelig und ich dachte schon, ich kippe um, doch nach ein paar Sekunden war es schon vorbei. Braunrote Flecken waren auf den untersten Kleidungsstücken zu sehen.

            „Menstruierst Du?“ fragte Mama mich. Ich schüttelte den Kopf. „Es wird hier sicherlich einen Arzt geben.“

Dann schob Mama mich unter die Dusche und drehte das Wasser auf.

Ich schloss die Augen, zitternd, müde, haltsuchend. Es raschelte, auch Mama hatte sich ihrer nassen Kleider entledigt und sie stieg zu mir in die kleine Kabine. Über meinen eigenen Zustand machte mich mir kaum Gedanken, ich spürte meinen Leib kaum noch. Aber als ich Mama so nackt vor mir sah, schauderte es mich. Ausgemergelt, blaue Flecken überall. Der Körper einer alten Frau. Mir schien es wie ein Wunder, dass wir es bis hierher geschafft hatten. Und das war es auch.  

Eng war es, als wir zu zweit unter der Brause standen. Langsam kehrte das Gefühl in Hände und Füße zurück. Lange Zeit standen wir einfach nur da, Arm in Arm, stützten uns gegenseitig und ließen heißes Wasser auf uns hinab prasseln. 

Mama hat Tränen in den Augen und sie spricht schließlich aus, was auch ich dache: „Dank Gott. Wir haben es geschafft.“


Freitag, 09. Februar 1945

Das Schlimmste war überstanden. Aus einer Arztpraxis hat man einige Penicilin-Tabletten beschafft und mir nach und nach verabreicht. Ich bin wirklich glücklich, nicht alle Nas’ lang zur Toilette zu müssen, um ein paar klägliche Spritzer Urin los zu werden. Das Brennen hat nachgelassen und Blut kommt auch nicht mehr. Mein Handgelenk wurde neu geschient, der Bruch hat den Marsch recht gut überstanden und in ein oder zwei Wochen soll dann ein fester Verband ausreichen. Sorgen treiben mich aber. Was mag mit Vater sein? Und vor allem: Was macht Franz? Spärlich dringen immer wieder Nachrichten durch, über die Zerstörungen in der Stadt, über die Russen.