TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Januar 1945

Montag, 01. Januar 1945

Neujahr, das sechste Mal zu Kriegszeiten. Richtig gefeiert wurde natürlich nicht. Wir haben lediglich im Mitternacht zu dritt mit einem Glas Sekt angestoßen und das war es dann, um halb eins lagen alle im Bett.

Ist es ein Zufall? Es gab den ganzen Tag noch keine Fliegerangriffe der Russen. Dass sie selbst das neue Jahr gefeiert haben, hält Vater für unwahrscheinlich, da nach dem russischen Kalender das neue Jahr erst am sechsten Januar beginnt. Schauen wir also, was das neue Jahr mit sich bringt.

Ich habe keine Ahnung, wo der Franz steckt und hoffe, es geht ihm gut. Die Post ins Feld ist so unzuverlässig, es geht viel verloren. So lohnt es kaum, Briefe zu schreiben. Stattdessen notiere ich alles, was ich Franz gern sagen will und überreiche ihm bei seinem nächsten Besuch einen Packen Papier. Ähnlich geht es in die Gegenrichtung. Franz und Paul sind weiterhin in der gleichen Kompanie und auch sie schreiben in ruhigen Momenten und sammeln bis zum Heimaturlaub. Sollte einer fallen, so will dann der andere die Briefe an sich nehmen und heim senden.


Mittwoch, 10. Januar 1945

Weiter im Osten geht es rund. Der Russe marschiert gen Westen und mangelt einer riesigen Dampfwalze gleich alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Ein beunruhigend starker Strom an Flüchtlingen kommt derzeit durch die Stadt. Mancher versucht in Breslau einen Unterschlupf zu finden, andere ziehen nur durch, um in Sicherheit zu gelangen. Auf dem Weg zur Arbeit werde ich tagtäglich mit diesen armen Menschen konfrontiert. Horrorgeschichten über die Gräueltaten der roten Armee in den eroberten Orten. Kinder und alten Menschen würden ermorden, Frauen vergewaltigt und am Ende die Häuser in Brand gesteckt. Mir wird schon mulmig bei so was.


Freitag, 12. Januar 1945

Die nicht sehr mutmachenden Neuigkeiten über das Vorrücken der Russen verstummen nicht. Im Sender Breslau wird zwar eine anlaufende Gegenoffensive propagandiert, aber davon merkt man in der Stadt nichts. Vielmehr leeren sich auch hier die Wohnungen. Züge, die Richtung Görlitz oder sonst wo in den Westen fahren, sind überfüllt, es soll bald besondere Evakuierungszüge geben.


Montag, 15. Januar 1945  

Immer wieder machen Gerüchte die Runde, dass die Stadt in Bälde teilweise evakuiert werden soll. Zumindest sollen die Zivilisten, Frauen und Kinder hinaus. Erinnerungen werden wach an Vaters Erzählungen, dass im Fall der Fälle Breslau zu einer Festung erklärt werden wird. Ich weiß zwar nicht genau, was dies bedeutet, aber es klingt nicht gut.

Auch Mama und Vater gehen wohl mehr und mehr von einem Verlassen der Stadt aus. Ich glaube fast, das Vater über seine Beziehungen schon mehr als viele andere weiß.

Mittwoch, 17. Januar 1945

Die „rote Welle“ schwappt näher und wenn ich den neuesten Gerüchen Glauben schenken darf, dann haben vorgestern die ersten russischen Panzer die deutsche Grenze passiert. Ein wenig unerwartet erreichte mich heute ein Brief von Franz. Er ist schon zwei  Wochen alt und besagt, dass seine Einheit gegen Ende des Monats nach Breslau kommen soll, hier aufgefrischt wird und dann in der Nähe der Stadt zum Einsatz kommen wird. Dies würde wohl bedeuten, dass der Krieg unmittelbar in der Nachbarschaft weitergeführt wird. Aber davon abgesehen freue ich mich natürlich kolossal, wenn ich Franz in der Nähe weiß und ihn endlich wieder in die Arme schließen kann.


Donnerstag, 18. Januar 1945

Heute habe ich wirklich Glück gehabt, dass ich mit dem Leben davon gekommen bin. Ein Fliegerangriff der Russen hatte heute Vormittag die STF-Werkshalle erwischt und zum Einsturz gebracht. Fliegeralarm wurde viel zu spät gegeben und als die Sirene durch die Halle schall, da krachte es auch schon um uns herum. Es gibt zwar einen Luftschutzraum, aber bis dahin hätte ich es nicht geschafft, als auf einmal Teile des Daches hinabstürzten. Weiter hinten gab es dann eine Explosion, dort muss wohl direkt eine Fliegerbombe niedergegangen sein. Die Druckwelle schleuderte mich zu Boden und ein stechender Schmerz durchzog meine linke Hand. Als ich mich wieder aufrappeln wollte, da zog mich jemand einfach am Hosenbund zur Seite unter einen sehr stabil ausgeführten Arbeitstisch.  Der alte Janosch.

Steine, Metallteile und unzählige weitere Dinge flogen umher und fielen wie kleine Kometen auf den Boden. Auch die dicke Tischplatte bekam einiges ab, doch der starke Metallrahmen sorgte dafür, dass der Tisch wie festgeschraubt an seiner Stelle blieb, bis das Spektakel vorbei war. Ich musste husten und bekam kaum Luft. Eine dicke Staubwolke wogte umher. Es hatte wohl auch das Rohstofflager erwischt. Immer wieder gab es neue Erschütterungen und ich wartete nur noch darauf, dass die Halle komplett einstürzen würde. Dann hätte auch der Tisch nicht mehr schützen können. Weniger der Gedanke an meinen Tod ängstigte mich, mehr ein Bedauern, dass ich mich von Franz bei unserem letzten Beisammensein gar nicht richtig verabschieden konnte. Es gäbe noch so viel, was ich ihm sagen wollte...  

Und dann stank es plötzlich nach Phosphor und es waren Flammen zu hören.

Janosch neben mir raunte nur: „Brandbomben. Nichts wie heraus.“

Wenig später fand ich mich auf der Straße vor der Fabrikhalle wieder. Ich war über und über mit weißem Staub bedeckt, die anderen sahen nicht anders aus. Vater und die anderen Büroangestellten kamen kurz darauf aus dem Luftschutzkeller unter dem Bürogebäude, welches zwar keinen direkten Treffer erfuhr, aber trotzdem in Mitleidenschaft gezogen wurde. Vater kam auf mich zugelaufen und nahm mich so verschmutzt, wie ich war, in den Arm und sagte immer wieder: „Gott sei Dank, Du bist heil herausgekommen.“

Die Werkhalle stand derweil in Flammen und würde wohl bis auf die Grundmauern niederbrennen. Die Straße war übersäht mit Schutt, da würde keine Feuerspritze durchkommen.

Jetzt bin ich in der Wohnung bei Tante Anna und konnte den ganzen Schmutz abwaschen. Mein linkes Handgelenk ist gebrochen und wurde von einem Sanitäter geschient. Immerhin kann ich noch schreiben.

Vater ist am Abend wieder in der STF. Leider hatten nicht alle soviel Glück wie ich, insgesamt sind elf Todesopfer zu beklagen. Da bin ich noch gut weggekommen.


Samstag, 20. Januar 1945

Die STF wird nicht wieder ihre Arbeit aufnehmen. Zusammen mit den Vorarbeitern hat Vater sich gestern beraten. Die Schäden am Gebäude und vor allem an den Produktionsmaschinen sind so enorm, dass sie bei der derzeitigen Rohstofflage nicht instandgesetzt werden können. Dafür ist der Betrieb nicht wichtig genug gewesen.

Die näherrückende Front der Russen, man munkelt, sie stehen schon sechzig Kilometer vor Breslau, haben den Gauleiter dazu bewogen, heute Lautsprecherwagen durch die Straßen zu schicken mit der Botschaft, dass alle Frauen, Kinder und Zivilisten die Stadt zu verlassen haben. Auch die Lautsprechersäulen in der Stadt plärren immer wieder diese Aufforderung. Die Reichsbahn fährt schon seit Tagen Sonderzüge ab dem Freiburger Bahnhof. Über die Gräbschener Straße in Richtung Liegnitz zieht eine nicht enden wollende Menschenmenge. Zumeist Frauen und ihre Kinder. Mit Handwagen, Schlitten oder einfach nur Taschen und Tüten.


Sonntag, 21. Januar 1945

Überall in der Stadt wurden heute Plakate angebracht mit folgendem Wortlaut:  

Alle Frauen und Kinder
verlassen sofort
die Stadt Breslau
zu Fuss in Richtung
Opperau – Kanth !

Gezeichnet durch unseren Gauleiter und nun auch noch Festungskommandanten Karl Hanke.

Die Elke war heute morgen kurz da und erzählte, dass sie als Lazaretthelferin in der Stadt bleiben wird. Ich halte dies für Wahnsinn und bangte schon jetzt um ihr Leben. Doch gleichwohl weiß ich gut, dass nichts und niemand sie von diesem Entschluss abhalten kann. Mama und ich müssen uns morgen früh ebenfalls auf den Weg aus der Stadt heraus machen. Vater meint, es wäre hier nicht mehr sicher genug. Er selber scheint Pläne zu haben, die er lieber geheim halten möchte.

            „Ich komme bald nach.“ ist das einzige, was aus ihm heraus zu bekommen ist. Vor dem Marsch ins Ungewisse morgen habe ich weniger Angst als davor, dass Franz womöglich Anfang nächster Woche in der Stadt ankommt und mich nicht finden kann. Weder am Weidendamm noch hier bei Tante Anna. Ich muss hoffen, dass Franz irgendwie Kontakt mit der Elke aufnehmen kann. Dann kann sie ihm sagen, wohin ich unterwegs bin.

Ob Mama und ich es überhaupt schaffen werden, uns bis Freudenberg durchzuschlagen, das weiß niemand. Es liegt rund sechzig Kilometer entfernt und dort lebt die Schwester von Tante Anna. Bei ihr können wir dann eine zeitlang unterkommen.