TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

August 1944

Dienstag, 01. August 1944

Mich hat es erwischt, jetzt liege ich hier im Bett und dürfte am besten für eine Woche nicht aufstehen.

Gestern Vormittag hätte ich ja eigentlich noch zur Uni gemusst, aber da der Franz ja nur noch bis Donnerstag da ist hatte ich gehofft, soviel Zeit wie möglich mit ihm gemeinsam zu verbringen. Jedoch verstärkten sich gestern die Schmerzen und ich wollte kaum aufstehen. Ich lag heulend im Bett und hielt mir den etwas druckempfindlichen Bauch, bis Mama irgendwann hoch kam und mich trotz einigem Widerstandes anzog und in ein Auto setzte. Zusammen mit ihr ging es zu einer Frauenklinik. Als ich zusammen mit Mama  in den Wartesaal trat, wäre ich am liebsten wieder umgedreht. Er war rappelvoll und es dauerte einige Zeit, bis ein Stuhl frei wurde, auf den ich mich setzen konnte. Mama versuchte mich zu trösten und meinte, auch sie hätte schon so manches durchgemacht. Ich behielt für mich, dass ich nun wenig Lust hatte, mich mit einem Fremden über Sachen wie Schmerzen in meinem Unterleib zu unterhalten.  Das war mir einfach peinlich und wenn ich mich dann auch noch einer Untersuchung unterziehen müsse, daran mochte ich nicht denken.

Nach einer schieren Ewigkeit, sicherlich zwei Stunden, wurde ich endlich aufgerufen. Mama fragte, ob ich sie dabei haben wollte und ich nickte. So marschierten wir hinter einer Schwester her zu einem Sprechzimmer. Der Arzt, dessen Name mir schon wieder entfallen ist, hörte sich kurz meine Leiden an, rief dann eine Krankenschwester und bat mich nach nebenan in ein Untersuchungszimmer.

Mama wurde von ihm mit einem „Sie können hier warten, es dauert nicht lange“ auf ihrem Stuhl gehalten. So folgte ich ihm in das Nachbarzimmer. In einer Ecke stand ein wahres Ungetüm von Untersuchungsstuhl, von dem ich schon gehört hatte und wich etwas zurück, während der Doktor mit der Schwester leise ein paar Worte wechselte. Dann drehte er sich zu mir um und erklärte, man müsse eine Sekretprobe für eine Laboruntersuchung nehmen. Die Symptome deuteten auf eine Gebärmutterschleimhautentzündung hin. Ehe ich dieses Wort verinnerlicht hatte, führte der Arzt aus, dass die „übliche“ Eileiterentzündung an einem zusätzlichen eitrigen Ausfluss erkennbar wäre.

Schon wurde ich gebeten, mich hinter einem Vorhang unten herum frei zu machen. Selten war mir etwas so unangenehm und peinlich wie die folgenden zwei Minuten. Danach ging es wieder ins Sprechzimmer und mir wurden zunächst einige Tage Bettruhe und Antibiotika verschrieben. Der Befund der Probe würde am kommenden Tag vorliegen und könne fernmündlich abgefragt werden.

Nun liege ich in meinem Bett, bekomme Schmerzmittel und Tabletten gegen die Entzündung. Ich weiß nicht, ob ich vor Schmerzen oder Enttäuschung weine.


Donnerstag, 03. August 1944

Franz ist fort. Heute Vormittag ist er mit einem Sonderzug der Reichsbahn vom Freiburger Bahnhof abgefahren und ich konnte ihn nicht verabschieden.

Dafür war Franz gestern lange bei mir. Wir haben stundenlang gequatscht und gekuschelt. Da es mir ihm gegenüber doch etwas unangenehm ist, wollte ich eigentlich eine Magenverstimmung oder so was vorschieben, doch als Franz in mein Zimmer kam und mich gleich begrüßte mit einem „hat sich das Frauenleiden zu etwas Schlimmerem verändert?“, da habe ich nur traurig nicken können.

In dieser nicht enden wollenden Ewigkeit heute, in der ich in Franz Arm lag, wurde eine immer größer werdende Sehnsucht in mir geweckt. Ein wahnsinniges körperliches Verlangen. Vor meinem inneren Auge hatten sich schon die schlimmsten Phantasien abgespielt. Eine davon war, dass Franz fallen könnte, ohne dass wir uns wenigstens einmal vereinigt hätten.

Jedoch, ihm dies zu sagen, das habe ich mich nicht getraut.


Montag, 7. August 1944

Der erste Tag in der STF ist vorüber. Vater hat dafür gesorgt, dass Elke und ich Posten im Büro erhielten. Großartig viel zu tun hatten wir nicht und werden wir auch nicht haben. Außer uns wurden noch sechs weitere Mädel eingestellt, die aber alle in der Produktion unten arbeiten. Im Großen und Ganzen sind im Büro für alle Vorgänge Angestellte vorhanden. Vater hat uns kurz allein in sein Büro geholt. Dort machte er uns  klar, dass es vor allem einen Grund für unsere Präsenz in seiner Firma hatte. Wenn der Krieg so weiter geht wie bisher, dann würde er unweigerlich nach Breslau kommen. Dann sollte man einen sicheren Platz haben und nicht gerade in einem Betrieb arbeiten, der Kriegsmaterialien produziert und sicherlich zuerst von Luftangriffen und sonstigem ins Ziel genommen wird.

            „Ihr beiden werdet hier den Krieg aussitzen. – Und wer weiß, vielleicht wird ja Nadine irgendwann meine Nachfolge antreten müssen.“

Formal unterstand ich zusammen mit allen anderen neuen zwangsverpflichteten Angestellten dem Personalchef Heuberger.

Mit allen neuen Mitarbeiterinnen ging Herr Heuberger mit uns durch die Produktionshalle und erklärte in groben Zügen, was hier wie produziert wurde. Elke und ich hörten kaum hin, da wir ja nicht hier unten schaffen würden.

Das eine oder andere Mal war ich natürlich schon in Vaters Fabrik und so kannten mich auch einige der Arbeiter schon. Ich hoffe nur, dass ich nicht bis in alle Ewigkeit als „Fräulein Direktor“ oder so ähnlich angesprochen werde.


Freitag, 11. August 1944

Die erste Woche ist um und ich bin niedergeschlagen wie lange nicht mehr. Die Arbeit ist der STF hat mich zwar abgelenkt, aber seitdem Franz fort ist, fühle ich mich leer – oder einfach inkomplett.

Nach und nach will Vater mich in die Vorgänge der STF einführen. Er will mir einen groben Überblick verschaffen über „alles wichtige, was ich wissen muss“. Manchmal klingt es fast so, als ob Vater damit rechnet, plötzlich eingezogen zu werden oder auf andere Art auf einmal nicht mehr vor Ort sein kann.


Sonntag, 13. August 1944

Habe mich heute Nachmittag mit Jana verabredet. Wir haben uns an die Oder gesetzt und bis zum Abend gequatscht. Jana ist bei der Reichsbahn untergekommen. Sie treibt sich nun im Bahnbetriebswerk am östlichen Güterbahnhof herum.

Es ist eine verdammt schmutzige Arbeit, die sie dort verrichten muss. Dampfloks putzen, Schlacke schaufeln und andere Dinge an Fahrzeugen oder im Lokschuppen machen, die abends aussehen lassen wie einen Kohlenmann. Jedoch nicht der Schmutz war für Jana das Schlimmste, sondern vielmehr die körperliche Arbeit. Jana war keineswegs unsportlich oder schwach, aber die letzten Tage hatten sie beinahe an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht.

            „Das ist die Bürde, die wir Frauen im Krieg zu tragen haben.“ meinte Jana, die Weisheit einer älteren Kollegin weitergebend. Ohne Franz komme ich mir schon fast wie eine Kriegswitwe vor und ich mag gar nicht daran denken was wäre, wenn Franz nimmer wieder käme. Aber solch Gedanken lassen sich nicht verscheuchen. Sie machen mir Angst. Verdammt große Angst.


Donnerstag, 17. August 1944

Es ist Donnerstagabend. Nun sitze ich auf meinem Zimmer und muss dran denken wie es bislang war. Da saß der Franz hier bei mir, oder er lag mit mir auf der Tagesdecke. Wie entdeckten mit Büchern fremde und unbekannte Welten und waren uns nah wie eine zweiteilige SVT-Einheit.

In der STF habe ich mich in den vergangenen Tagen auch in der Produktionshalle herumgetrieben. Ich will wissen, wie die Dinge zusammengebaut werden und sie funktionieren. Vater sieht es nicht so gern. Er meint, es schickt sich nicht für die Tochter des Inhabers, sich die Finger in der eigenen Fabrik schmutzig zu machen. Eine Menge habe ich von einem alten Arbeiter gelernt, Janosch. Er lässt es sich nicht abgewöhnen, immer, wenn ich mich zu ihm begebe die Mütze abzunehmen und mich mit einem „Guten Tag, Fräulein Direktor“ zu begrüßen.

Doch bei einigen anderen Arbeitern habe ich das Gefühl, sie halten mich für nicht vertrauenswürdig. Sie sind nicht direkt unhöflich, doch halten eine Distanz, die kaum zu überbrücken ist. Es sind hier weniger die zwangsverpflichteten Studentinnen, sondern vielmehr die anderen Frauen. Sie kommen aus Polen oder der Tschechei und auch in der Pause hocken sie zusammen und lassen niemanden in ihre Nähe.


Sonntag, 20. August 1944

Gestern Abend waren Jana und ich mal wieder am Eisenbahnwagen. Außer uns waren nur der Peter und die Bailac-Geschwister da. Hermann hatte es irgendwie geschafft, sich mit einem Attest vor der Wehrmacht zu drücken. Jetzt arbeitet er als Gehilfe in einer Tischlerei und hofft, so um den Krieg herum zu kommen.