TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Juli 1944

Montag, 10. Juli 1944

Noch drei Tage, dann ist es soweit. Es erstaunt mich fast, wie schnell das vergangene Jahr vorüber gezogen ist. Am Freitagabend steigt eine kleine Geburtstagsfeier. Neben den mir liebsten Personen, Franz, Elke und Jana werden wohl noch die Bailac-Geschwister, Sigi und Paul und der Eberhard kommen, so denn sie Zeit haben. Auf der Uni geht es so langsam in den Endspurt. Semesterferien gibt’s zwar nicht so richtig, aber immerhin zwei Wochen Pause Anfang August.


Mittwoch, 12. Juli 1944

Hatte heute eine enttäuschte und traurige Elke hier bei mir. Ihr Eberhard, Joachim und noch ein paar weitere Männer von LHB sind zum 15. Juli von der Wehrmacht eingezogen worden und würden sich schon morgen auf den Weg machen müssen. Am liebsten würde sie sich irgendwo vergraben. Sehr viel konnte ihr leider nicht dazu beitragen, dass es ihr wieder besser geht. Ich wäre ähnlich verzweifelt, wenn man mir den Franz so abrupt nehmen würde.

Als sie ging, habe ich Elke noch versichert, dass ich Verständnis dafür hätte, wenn sie am Freitag lieber alleine sein wolle. Dankbar für dieses Angebot machte sich Elke auf den Weg zu ihrem Schatz, um sich von ihm zu verabschieden.


Samstag, 15. Juli1944

Es ist nun also passiert, ich bin 20 geworden. Für mich hat sich eigentlich nichts geändert. Morgens gab es daheim einen Kuchen und Glückwünsche von Mama und Vater. Die Uni hat sich dann dank einer nichtssagenden Propagandaveranstaltung bis lang in den Nachmittag hingezogen.

Erstaunlich waren eher die Ereignisse, die sich gestern Abend zugetragen haben. Der Franz hatte eigentlich sein Erscheinen für sechs Uhr am Abend zugesagt. Doch er kam nicht. Da war ich schon etwas verwundert. Nach und nach kamen dann die anderen Gäste, abgesehen von Elke. Aber bei ihr war ja ein Ausbleiben einkalkuliert. Es war trotzdem ganz schön, alle um mich herum zu haben.

Gegen neun Uhr dann klingelte es an der Tür. Mama hatte geöffnet und gleich darauf kam sie mit ernstem Blick zu uns hoch in mein Zimmer und meinte zu mir, ich müsse mal sofort mitkommen. Ein wenig verwundert folgte ich ihr die Treppe hinunter in die Küche. Dort mochte ich meinen Augen nicht trauen. Da stand der Franz und hielt eine völlig aufgelöste Elke im Arm. Beide machten einen ziemlich derangierten Eindruck. Elkes Rock war eingerissen, am Knie hatte sie eine blutige Schramme und als sie dann auf mich zukam, humpelte sie ein bisschen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe aus den beiden etwas heraus zu bekommen war. Ich hatte die Elke auf die Bank am Fenster bugsiert und Franz ließ sich auf einem Stuhl am Tisch nieder. Schließlich rückten sie mit ihrer Geschichte heraus.

Elke hatte sich entschlossen, doch zu meiner Geburtstagsfeier zu kommen und sich auf den Weg gemacht. Unterwegs begegnete ihr eine kleine Gruppe angetrunkener junger Soldaten. Zwei von ihnen sprachen Elke an, während der Rest weiter zog. Die aufgeschlossene Elke hatte sich zunächst nichts dabei gedacht, doch dann würden die zwei zudringlich und steuerten mit ihr eine enge unbelebte Gasse an. Es war sehr eindeutig, was sie mit Elke vorhatten. Sie wehrte sich zwar so gut sie konnte, aber mit zwei Männern konnte Elke es nicht aufnehmen. Unsanft wurde sie zu Boden gestoßen, schlug hierbei hart mit dem Knie auf und holte sich auch an anderen Stellen Schrammen.

Elkes Rettung war Franz, der ebenfalls auf dem Weg zu mir war und eher zufällig den gleichen Weg wie Elke zu gehen hatte, da er noch einen Onkel besucht hatte. Als er an der kleinen Gasse vorbei kam, da hörte er gedämpfte Stimmen und etwas, das wie ein Hilferuf klang. Mit schnellen Schritten war Franz zur Stelle und riss ganzer Kraft die Kerle von Elke fort. Glücklicherweise ehe noch Schlimmeres passiert ist. Franz Erstaunen war groß, als er die auf dem Boden liegende Elke erkannte, welche weinend versuchte, den Rock wieder zurecht zu ziehen.

Dass Franz kräftig war, wussten alle, die ihn kannten. Auch dank des Überraschungsmomentes gelang es Franz jetzt, die beiden Kerle kampfunfähig zu machen. Dazu hat sicherlich auch deren Alkoholgenuss zuvor beigetragen. Nach ein paar Faustschlägen lagen die beiden Soldaten am Boden und Franz reichte Elke die Hand zur Hilfe beim aufstehen. Die Schmerzen im Knie ließen sie aufstöhnen und innehalten. Franz wollte die Polizei rufen, doch Elke wollte dies auf keinen Fall. So machten sie sich auf den Weg hierher. Zunächst versuchte Elke, alleine zu laufen, doch zeigte sich schnell, dass sie es nicht schaffen würde, ohne sich an Franz abzustützen.

Bald darauf kam Mama wieder und wollte Elke beiseite nehmen, um die Wunden zu säubern und notfalls zu verbinden. Doch zuvor machte Elke die paar Schritte auf Franz zu, packte ihn bei den Schultern und sagte: „Ich danke dir. Ich habe mir sehr in Dir getäuscht. Du bist einer von den Guten.“

Als sie fort war, schüttelte Franz den Kopf. Dann sah er mich an, kam zu mir und nahm mich in den Arm.

            „Alles Gute zum Geburtstag, Prinzessin.“ murmelte er und griff in eine Tasche seiner Weste. Dann verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. „Ich fürchte, dein Geschenk liegt jetzt neben zwei Soldaten.“

Ich entgegnete, es wäre mehr als genug, dass er Elke heil her gebracht hatte.

Kurz darauf hatte ich Franz hinauf in mein Zimmer geführt, wo es ein großes Hallo und für Franz ein Stück Kuchen gab. Nach einiger Zeit verdrückte ich mich wieder nach unten um zu sehen, wie es Elke ging. Ich war noch kaum die Treppe ganz hinab gestiegen, als Mama aus dem Gästezimmer kam und mich zu sich winkte. Sie wollte mich gerade holen. Mama hatte Elke frische Kleidung von mir gegeben, ein leichter Verband war um ihr linkes Knie gelegt worden und jetzt saß sie wie ein Häufchen Elend auf der Bettkante. Ich setzte mich zu ihr und nahm sie in den Arm.

            „Jetzt hab ich dir wohl deinen Geburtstag ziemlich durcheinander gebracht.“

Ich schüttelte den Kopf, es war ja nun auf gar keinen Fall ihre Schuld und die oben würden sich wohl auch eine Weile ohne mich vergnügen können.

Dankbar legte sie den Kopf an meine Schulter. So sehr aus der Fassung gebracht hatte ich Elke noch nie erlebt. Das war nicht mehr die lebenslustige und alles leicht nehmende Elke. Und ich wusste verdammt noch mal nicht, wie ich ihr jetzt helfen konnte.

Nach vielleicht einer Stunde war Elke eingenickt und ich ging wieder nach oben.

Gegen zehn Uhr machten sich meine Besucher nach und nach auf den Heimweg. Schließlich war als letzter der Franz da und meinte, es wäre wohl besser, wenn er nun auch ginge. Die Elke würde mich wohl dringender brauchen. Ich nickte etwas enttäuscht, wohl wissend, dass er recht hatte. Aber immerhin versprach Franz, dass er heute Abend noch mal vorbeikommen wird. Darauf freue ich mich schon.

Elke hat die Nacht bei uns verbracht. Gegen Mittag habe ich sie dann heim gebracht. Eigentlich wollte ich sie nicht alleine lassen doch Elke meinte dann, Frau deWitt wäre ja auch noch da.

Jetzt warte ich auf Franz.


Samstag, 22. Juli 1944

Wieder ist eine Woche Universität geschafft. Eigentlich soll nur noch eine Woche folgen und dann bis Mitte August Pause sein. Allerdings hat Jana etwas aufgeschnappt, was dem Ganze eine andere Wendung geben könnte. Wir hatten uns heute mit Gudrun und Elke zum Baden im Strandbad am Leerbeutel-See getroffen. Während wir dort auf der Wiese in der Sonne lagen, erzählte uns Jana von einem Gespräch, das sie im Sekretariat aufgeschnappt hatte. Offenbar lagen Planungen vor, zum Ende des Semesters die Universitäten nicht nur in Breslau zu schließen und die männlichen Studenten zur Wehrmacht einzuziehen.

            „Und was soll mit uns Mädel passieren?“ Gudrun guckte ein wenig überrascht drein. Ich denke, sie sah einer Trennung von ihrem Bruder mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

            „Arbeitsdienst.“

Ich sah mich schon wieder bei Linke Waggonscheiben putzen. Verbittert wandte Elke ein, dass ja in den vergangenen Wochen schon verstärkt eingezogen wurde.

Später am Nachmittag machten wir uns auf den Rückweg nach Hause. Gerade hatten wir Kaiserstraße und Brücke passiert, da trafen wir am Ohlauer Ufer zufällig auf Franz, Sigi und Paul. Ich freute mich, meinen Schatz so unverhofft zu sehen und warf mich Franz in die Arme. Jana begrüßte ihren Sigi auf ähnliche Weise. Nachdem ich mich von Franz gelöst hatte, sagten sich auch die anderen Hallo. Es gab einige erstaunte Blicke, als Elke Franz nicht wie gehabt ignorierte oder er eine bissige Bemerkung fallen ließ. Vielmehr umarmten sie sich kurz und Franz fragte sie, wie es ihr mittlerweile ginge. Wir machten uns auf den Weg zur Liebichshöhe. Unterwegs dorthin zog mich Jana beiseite und fragte mich, was um Himmelswillen zwischen Elke und Franz passiert sei. „Hab ich was verpasst?“

            „Meinen Geburtstag vielleicht?“ gab ich ausweichend zurück. Elke hatte mich darum gebeten, dass „das“, was ihr passiert war, nicht jeder erfahren müsse.


Sonntag, 23. Juli 1944

Gestern Abend habe ich nach dem Essen Vater gefragt, ob er etwas über die Schließung der Universität wisse. Innerlich spürte ich schon eine Bestätigung, als Vater mich mit seinem ausdruckslosen Pokerblick ansah und eine Weile schwieg. Wir beide wussten in diesem Moment, dass ich so eine Frage nicht gestellt hätte, wenn ich nicht schon irgendwo davon gehört hätte. Und würde Vater jetzt dementieren oder sagen, er wisse nichts, dann wäre uns beiden klar, das dies ein fauler Kompromiss ist.

Schließlich nickte Vater und bestätigte, dass es in der Tat solch Pläne gäbe. Ich fragte, wann denn die Studenten davon erfahren sollen und vor allem, woher erfährt man, wo man hinkommt? Vater murmelte etwas von „eigentlich noch  nicht spruchreif“, erzählte dann, dass der „Weber“ verantwortlich zeichnete.

Ich musste ein Stöhnen unterdrücken. Der alte Weber war der Vater von U.W., Ullrich Weber, dem Führer des hiesigen nationalen Studentenbundes. Beliebt dar er nicht gerade, aber einflussreich, auch wegen seinem Vater. Dieser wiederum kommt des öfteren mit Vater zusammen.

Ich fragte dann, ob es möglich wäre, den zukünftigen Einsatzort eventuell auszuwählen. Das würde sich zeigen, meinte Vater und mich beschlich da die dunkle Ahnung, dass es schon eine Entscheidung gab.


Freitag, 28. Juli 1944

Jetzt ist es offiziell bekannt gegeben worden: Montag ist der letzte reguläre Tag mit Vorlesungen an der Uni. Bis Ende der Woche sollten alle Formalitäten geklärt sein.

Als ich heute heim kam, wartete gleich noch ein Hammer auf mich. Ein Schreiben des Reichsamtes für Arbeitsdienst. Ich bin für ein halbes Jahr zwangsverpflichtet worden und bekam auch gleich mitgeteilt, wo: In Vaters Fabrik!

Am Montag, den 7. August  habe ich mich um acht Uhr im Personalbüro zu melden.

Ziemlich wütend bin ich in das Wohnzimmer marschiert, wo Vater und Mama sich aufhielten. Auf meine Frage, das Ganze sollte erhielt ich die Antwort, es wäre sicherer für mich, als wenn ich etwa in einem kriegswichtigen Betrieb wie LHB arbeiten würde, auf welche sich mögliche Luftangriffe sicherlich zuerst konzentrieren würden.


Sonntag, 30. Juli 1944

Habe mich gestern Mittag kurz mit Elke getroffen. Es stellte sich heraus, dass auch sie in die STF abkommandiert wurde.

            „Dann wird es uns wenigstens nicht langweilig.“

Da mochte sie wohl recht haben, aber ich finde es trotzdem nicht sehr schön, dass über meinen Kopf hinweg über so etwas entschieden wird. Und dann auch noch durch Einflussnahme Vaters.

Die wahre Hiobsbotschaft jedoch erwartete mich gut eine Stunde später, als ich bei Franz daheim war. Er eröffnete mir, dass er zum 03. August von der Wehrmacht eingezogen wird und zunächst für etwa zwei Wochen in eine Art Ausbildungslager kommt. Anschließend geht es wahrscheinlich direkt an die Front.

Für mich klang dies beinahe wie ein Todesurteil. In meinem Kopf drehte sich alles, der Ärger über meinen Arbeitseinsatz, die bevorstehende Trennung von Franz und dann noch ein allmonatliches Ungemach im Unterleib, dass mir stärker als normal erschien. Heulend hockte ich auf Franz’ Bett, während er mich im Arm hielt. Eine halbe Ewigkeit schwiegen wir so vor uns hin.

Als es dunkel wurde fragte Franz, ob es nicht Zeit für mich wäre. Ich nickte traurig und zuckte etwas zusammen, als ich mich aufrichtete. Wieder krampfte sich etwas tief in meinem Bauch zusammen. Besorgt fragte mich Franz, ob etwas nicht in Ordnung sei, ich wäre ganz blass geworden

            „Ein altes Frauenleiden.“

Damit versuchte ich die Sache abzutun und verdrückte mich auf die Toilette, während ich spürte, dass sich plötzlich Schweiß auf meiner Stirn bildete. Vor meinen Augen flimmerte es und ich war froh, als ich mich auf die Klobrille setzten konnte. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und hoffte, dass es gleich wieder vorüber gehen würde.

Auf einmal hörte ich ein Klopfen an der Tür und Franz fragte von draußen, ob ich noch am Leben wäre. Ich schreckte hoch, bejahte flugs und trat wieder auf den Flur hinaus. Sehr viel besser ging es mir nicht und so bat ich Franz, mich auf dem Nachhauseweg zu begleiten.

Nun sitze ich hier mit einer Wärmflasche und hoffe, dass es besser wird.