TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Mai 1944

Montag, 01. Mai 1944

Franz und ich haben uns einer Ausfahrt zum Zobten angeschlossen, die an der Universität angeboten wurde. Am Freitag ging es mit dem Fahrrad los, heute Nachmittag waren wir wieder zurück. Die rund 30 Kilometer waren recht anstrengend und ich werde mich wohl bald ins Bett verkrümeln.

Übernachtet haben wir in Zelten, insgesamt waren wir zu zehnt. Unsere Zelte hatten Franz und ich etwas abseits am Rande einer Lichtung aufgebaut. Es war warm, wenn sich auch der Rest vom Wetter etwas unbeständig verhielt.

Am Samstag ging es bei strahlendem Sonnenschein hinauf auf den Berg. Diese Tageswanderung hat mir sehr gefallen, was natürlich auch an meiner Begleitung lag, Franz. Abends wurde ein Lagerfeuer entzündet. Es wurde Gitarre gespielt und gesungen. Als dann aber ein leichter Regen einsetzte, verzogen sich alle recht schnell in die Zelte. Auch wir, natürlich jeder in seinem Zelt. Aber zuvor gab es noch einen langen intensiven Gute-Nacht-Kuss.

Der Sonntagmorgen begann sonnig. Schnell wurde es in den Zelten warm und nach und nach schlüpften alle aus ihren Schlafsäcken.

Mit dem Franz machte ich mich alsbald alleine auf zu einer Wanderung. Auf den Grasflure glänzte es noch feucht. Ich zog die Schuhe aus und genoss das Laufens auf dieser Wiese im Morgentau.

Ab und zu hörten wir ein paar Tiere, Vögel zwitscherten. Manchmal ein paar Krähen. Ansonsten war es totenstill. Schweigend liefen Franz und ich in den Tag. Mal Hand in Hand, mal Arm in Arm, und manchmal ließ Franz seine Hand von meiner Schulter über meinen Rücken weiter tiefer sinken. Wie zufällig, aber doch nicht unangenehm, spürte ich sanften Druck auf meinem Po.  Und dann und wann blieben wir wie überwältigt stehen und küssten uns.

Gegen Mittag machten wir an einem kleinen Bach halt. Wir aßen eine Kleinigkeit und genossen die Aussicht ins Tal hinunter. Der Ausblick reichte heuer nicht bis Breslau, es war zu diesig. Doch das lässt sich ja im Sommer vielleicht noch nachholen. Nach unserer Mahlzeit ließen wir uns ins Gras sinken und einfach von der Sonne bescheinen. Mein Nacken ruhte auf Franz Arm. So lagen wir da, schlossen die Augen und lauschten dem Murmeln des Baches. – Ja, so lässt sich das Leben genießen und der Krieg vergessen.

Später ging es wieder zurück. Es bezog sich ein wenig. Wir kamen durch einen Tannenhain. Vor kurzer Zeit wurde hier Holz geschlagen, die Baumstämme lagen noch dort und es duftete ganz intensiv nach feuchtem Holz und Humus. Oder ganz einfach nach Wald.

Irgendwie war das Ganze ungemein überwältigend. Plötzlich stand ich einfach da, mit tiefen Atemzügen versuchte ich, dieses Aroma in mich aufzunehmen. Führwahr, ich glaube, dieses war wirklich ein perfekter Augenblick. Franz schien ähnlich verzaubert, aber als ich plötzlich zu weinen begann, holte er mich zurück in die Gegenwart und fragte, was los sei.

            „Nichts, ich bin nur so verdammt glücklich.“ brachte ich hervor. Dann schlang ich die Arme um meinen Franz.

Dann begann es auf einmal zu regnen und ehe wir einen Unterschlupf finden konnten, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder. Im Nu waren wir klitschnass, meine Haare hingen mir in Strähnen im Gesicht. Außer Atem erreichten wir einen alten, weit ausladenden Kastanienbaum, unter dem wir etwas geschützt standen. Am Horizont wurde es schon wieder heller, der Regen ließ langsam nach.

Mit den nassen Klamotten am Leib fröstelte es mich ein wenig, obgleich es nicht arg kalt war.

Franz Blick blieben auf meiner Bluse hängen. Sie war nur aus dünner Wolle und so  durchnässt wie in jenem Augenblick verbarg sie auch nichts mehr.

Franz merkte, dass ich seinen Blick bemerkt hatte und blickte mich ein wenig rot werden an.

            „Entschuldige...“ stammelte er und sah so ertappt drein, dass ich auflachen musste.

            „Ich sollte die Bluse besser ausziehen und in die Sonne hängen, damit sie trocknet und ich mir nicht den Tod hole. Was meinst Du?“ sinnierte ich vor mich hin und blickte dem jetzt noch röter werdenden Franz in die Augen. Ermutigend lächelte ich und ermutigte ihn: „Hilf mir.“ Zögernd griff Franz zu und knöpfte einen Knopf nach dem anderen auf. Dann streifte er mir die nasse Bluse von den Schultern und betrachtete bewundernd die freigelegten Partien.

            „Ein Anblick für die Götter.“ brachte Franz hervor und ich entgegnete: „Wir würde dir eine Rolle als Gott gefallen?“ Dann knöpfte ich ihm das Hemd auf, legte seinen trainierten Oberkörper frei und tastete über seine Muskeln. Franz Hände berührten meine Schultern, fuhren sie langsam herunter und dann umfasste er vorsichtig meinen Busen. Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt, Franz Zärtlichkeiten ließen nicht nach und ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten und ewig hier mit meinem Schatz hier stehen.

Doch dann waren auf einmal Stimmen zu hören, nicht weit weg. Der Zauber war vorbei,  hastig streiften wir uns wieder unsere nassen Hemden über und machten, dass wir fort kamen. Die Sonne trocknete dann unsere Kleider am Leib, während wir zurück marschierten. Den Lagerplatz erreichten wir, als es schon zu dämmern begonnen hatte. Wieder brannte ein Lagerfeuer und dann hockten wir da, mit dickem Butterbrot und Tee.

Es regnete zwar nicht, aber trotzdem kroch die Feuchtigkeit vom nahegelegenen See herauf. Als wir zwei vor unseren Zelten standen, druckste Franz kurz und fragte dann, ob ich nicht bei ihm in seinem Zelt nächtigen wolle. Schnell fügte er noch hinzu:

 „Selbstverständlich in getrennten Schlafsäcken.“

Am Ende befanden sich zwar tatsächlich zwei Schlafsäcke in Franz Zelt, aber ich war zu ihm in seinen gekrochen. Lange lagen wir nebeneinander und streichelten uns, machten da weiter, wo wir am Nachmittag gestört wurden. Finger fuhren über Taillen, Rippen, Schultern, Fleisch. Immer näher rückten wir, pressen unsere Körper aneinander und küssten uns, als gäbe es kein Morgen.

In mir stiegen Gefühle empor, die ich bisher nicht gekannt hatte. Dieses erregende Kribbeln im ganzen Leib, das sein Zentrum im Bauch zu haben scheint. Selbst damals mit Peter habe ich nicht so stark empfunden.

Sehr erhitzt hielten wir irgendwann inne und öffneten den Schlafsack ein wenig, um abzukühlen. Ich war total aus der Puste. Der Schlafsack war von uns zwei nass geschwitzt und da tauschten wir ihn gegen meinen aus.

Kühle Nachtluft wehte sacht durchs Zelt und ich bekam plötzlich eine Gänsehaut. Franz ging es wohl ähnlich und er fragte, ob ich mein Hemd wieder überziehen wolle. Doch ich mochte nicht. Es gefiel mir, Franz zu spüren, die Nacht würde viel zu früh vorbei sein und wer weiß, wann sich die nächste Gelegenheit bieten wird, bei der wir uns wieder so nah sein können.

Den Kopf auf eine Hand gestützt, die andere spielte mit meiner, begann Franz ein Gedicht zu rezitieren.

Übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel zieh’n,
Was bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt’s schon an zu blüh’n.

Jauchzen möchte’ ich, möchte weinen,
Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s
Und in Träumen rauscht’s der Hain
Und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist Deine, sie ist Dein!

Von Eichendorff, ein Schlesier wie wir.

Ich flüsterte Franz ins Ohr: „Ich bin Dein.“

            „Das macht mich überglücklich.“ antwortete Franz.

Und nach einer Weile: „Was der von Eichendorff da seinerzeit geschrieben hat, passt, finde ich, auf dieses Wochenende wie kaum ein anderes Gedicht. Denn du machst mich wahrlich so glücklich, dass ich bisweilen schreien möchte oder weinen könnte vor Glück.“

Puh, das ging runter wie Öl.

„Tschakka.“ platzte es aus mir heraus und ich erntete einen etwas verwirrten Blick. Ich bette meinen Kopf auf seiner Brust, spürte jeden seiner Atemzüge und das Pochen seines Herzens. So schliefen wir ein.


Samstag, 06. Mai 1944

Endlich ist die Woche herum. Es waren zwar nur vier Tage, aber trotzdem anstrengend. An der Universität gibt es momentan viel zu lernen. Ich habe einen Haufen Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen und muss diese nach und nach durchackern. Ende des Monats schreiben wir gleich vier wichtige Klausuren und sowohl Mama und Vater als auch mein eigener Ehrgeiz lassen mich nun alles hintanstellen, was nicht mit dem Studium zu tun hat. Es wurde mir geraten, auch die Nachmittage der Donnerstage zu nutzen. 

Als unser Gespräch sich gestern hierum drehte, saßen wir drei im Wohnzimmer. Ich hatte die Donnerstage bisher nicht als große Unterbrechung meines Studiums gesehen und meine Gedanken liefen scheinbar in falschen Bahnen. Mag sein, dass auch der Mond schuld hat, ich habe zumindest heftige Unterleibschmerzen.

Getroffen fragte ich, was sie denn auf einmal gegen Franz hätten. Ist er keine gute Partie für mich, weil es keine standesgemäße Verbindung wäre?

            „Ich liebe Franz.“ brach es aus mir heraus.

Einige Sekunden lang war es totenstill im Raum und ich erwartete schon fast eine bestätigende Antwort. Da erhob sich Mama und kam auf mich zu. Ich war erhitzt und kämpfte schon gegen die emporsteigende Tränen an, als Mama mich in den Arm nahm und mir klar machte, dass sowohl sie als auch Vater meinem Urteilsvermögen vertrauten. Wenn ich mit Franz eine tiefere Verbindung eingehen wollte, dann würden sie mir keine Steine in den Weg legen.

Nun denn, jetzt muss ich beweisen, dass ich trotz Franz – mein Gott, wie das klingt – gute Klausuren abliefern kann.

Heute habe ich mich für meinen gestrigen Ausbruch entschuldigt.

Morgen kommt Jana zu Besuch und geht mit mir den Stoff durch. Sie hat ja die Unterlagen noch aus dem letzten Jahr und bislang waren sich die Arbeiten sehr ähnlich.

Donnerstag, 18. Mai 194 

So, drei große Klausuren sind nun aufs Papier gebracht und ich hoffe, alles ist zur Zufriedenheit der Professoren. Heute am Himmelfahrtstag passiert natürlich nichts und gleich geht es mit dem Wagen hinaus aufs Land. Mama und Vater wollen irgendwo essen gehen, anschließend Geschäftsfreunde besuchen und ich muss mit. Bis auf den Auftritt als „reizende Tochter des Herrn Barons“ würde mir der heutige Tag ja gefallen, aber so eher nicht. Ich hätte mich viel mehr gefreut, wenn ich hätte daheim bleiben dürfen und Franz als Besuch zu haben. Oder mit ihm etwas zu unternehmen. Irgendwie würde ich aber am liebsten mit ihm einfach auf dem Bett liegen und ihn küssen und streicheln ohne die Gefahr, dass auf einmal jemand die Treppe hinauf und ins Zimmer kommt.

Dienstag, 23. Mai 1944

Nach so schönen Maitagen, bei denen ich entweder im Hörsaal, in der Bibliothek oder meinem Zimmer zum lernen saß, hängt nun seit gestern eine dicke Wolkendecke über Breslau und es regnet sich immer mehr ein. 

Ich freue mich schon ungemein auf das kommende Pfingstwochenende. Ich werde mit meinem Schatz im Zug nach Böllbach fahren und ihm meine Heimat zeigen. Wir können auf dem Hof von Onkel Richard und Tante Gertrud in Johannisfelden. Mir ist ganz kribbelig ob der Vorfreude darauf.

Samstag, 27. Mai 1944 

Seit gestern Nachmittag sind wir nun in Johannisfelden. Mit dem Zug ging es zunächst von Breslau nach Böllbach. Es ist doch ein eigenartiges Gefühl, wenn man nach so langer Zeit zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Es überwältigt mich beinahe, weil gerade im letzten Jahr so unglaublich viel vorgefallen ist.

Übernachten können wir bei Onkel Richard und Tante Gertrud auf dem Gut Johannisfelden, das liegt von Böllbach etwa fünf Kilometer entfernt.

Seit heute Nachmittag rauscht ein Gewitter vom Himmel und ich bin froh, dass wir von unserem Ausflug heute heil zurückgekommen sind. Na ja, fast heil.

Franz war ziemlich geschafft, sein Fuß tut wohl noch immer weh und nun macht er nebenan auf der Couch ein Nickerchen. Ich will die Zeit nutzen und schnell vom heutigen Tage berichten.

Der Ort selber hat sich in den rund anderthalb Jahren, seitdem wir hier fortgezogen sind, merklich verändert.

Viele Häuser stehen auf einmal leer, die Bewohner sind vor der näherrückenden Front geflüchtet, wohingegen andere glauben, hier auf dem Lande würde ihnen nichts passieren.

Es gibt eine ungewöhnlich große  Militärpräsenz. Mehrere öffentliche Gebäude wurden als Lager oder Büros in Beschlag genommen, das Schloss fungiert laut einem Wegweiser nun als Lazarett. Ohne besondere Papiere darf man nicht mal die Straße zum Schloss hinauf passieren, so konnte ich Franz gestern nur aus einer Entfernung zeigen, wo wir gewohnt haben.

Zu Fuß machten wir uns dann auf den Marsch hierher nach Johannisfelden. Jetzt im Sommer war der Weg nicht allzu schlimm, wir haben ja kein großes Gepäck dabei. Nach nicht einmal einer Stunde hatten wir das Gut erreicht und wurden herzlich von Tante Gertrud und Onkel Richard begrüßt. Beim Abendessen fragten mich die beiden dann über die vergangenen Monate in Breslau aus und ich merkte schon, dass Franz sich allmählich zu langweilen begann.

Heute Vormittag haben wir uns dann zwei Pferde gesattelt und sind ausgeritten. Für Franz ist es das erste Mal gewesen, dass er auf einem Pferd saß und ich finde, dafür hat er sich wacker gehalten. Regina, seine Stute, ist aber auch schon recht betagt und strengt sich nicht mehr an als nötig. Es wurde wieder sauwarm und wir waren über jeden Meter Weg froh, der im Wald im Schatten lag. Nach gut zwei Stunden erreichten wir einen kleinen Waldsee, in dem ich schon als Kind gebadet hatte. Heute war jedoch keine Menschenseele in der Nähe. Franz und ich stiegen ab und unsere Tiere steckten sogleich die Mäuler ins Wasser. Franz wischte sich den Schweiß von der Stirn und meinte, er würde am liebsten hinterher springen. Ohne groß zu überlegen antwortete ich: „Dann lass uns doch schwimmen gehen.“

Franz entgegnete, er hätte seine Badehose wohl in Breslau vergessen, worauf ich erwiderte, dass wir hier heute schon völlig ungestört sein würden.

            „Meinst Du das ernst?“ fragte Franz. Ich nickte nur. Was sollte es. Obenrum hat mir der Franz ja vor drei Wochen schon gesehen.

Franz grinste und deutete auf ein paar Büsche, die in der Nähe standen. 

            „Die Freiluftauskleidekabine ist dort drüben.“

            „Nicht nötig, glaube ich.“ und dann begann ich damit, meine Bluse aufzuknöpfen. Auch Franz steifte nun sein Hemd ab, zog dann Schuhe und Beinkleider aus. Franz hatte mir den Rücken zugewandt, während ich mich auszog und war dann schnell im Wasser verschwunden.

Einen Augenblick lang sah ich Franz einfach nach. Ich hatte ihn zwar schon lediglich mit Badehose bekleidet gesehen, aber so völlig nackt... So schnell hätte er nicht sein müssen.  Dann lief ich ihm hinterher und als mir dann der Grund unter den Füßen schwand, schwamm ich mit ein paar kräftigen Zügen in seine Richtung. Erst jetzt blickte er zurück und wartete wassertretend, bis ich bei ihm war.

            „Ist das nicht herrlich?“ fragte Franz. Wir tollten eine ganze Zeit durch den See, bis uns schließlich die Puste ausging. Vielleicht kam es mir nur so vor, aber ich hatte das Gefühl, dass Franz immer etwas Distanz zwischen uns zu halten versuchte. Doch als wir dann erschöpft zurück zum Ufer geschwommen waren und uns das Wasser nur mehr bis zum Bauch ging, da ergriff ich einfach Franz Hand und forderte ihn auf, mich zu küssen. Und dann packte ich ihn an der Taille und drückte mich an ihn. Franz legte seinerseits die Arme um mich und knetete sachte meinen Po. Nach einem schier endlosen Kuss sah mich Franz einen Augenblick lang an und brachte schließlich hervor: „Puh, du bist schon ein umwerfender Anblick.“

            „Es gefällt dir also, was du siehst?“

Franz nickte und knapp unter meinem Bauchnabel spürte ich ganz deutlich, wie sehr ich Franz gefiel. Im gleichen Moment wurde sich wohl auch Franz dessen bewusst und wollte ein wenig auf Distanz gehen. Doch ich ließ ihn nicht los, wenn ich mich auch nicht traute, ihn dort unten zu berühren. So schüttelte ich nur den Kopf, denn erregend war es irgendwie schon. Auch für mich.

Dann machten wir uns aber doch auf den Weg ans Ufer. Bevor wir weit gekommen waren, passierte ein kleines Missgeschick.

Der Grund war recht steinig und auf einmal schien Franz irgendwo stecken zu bleiben. Ein Schmerzlaut kam über seine Lippen. Er war mit einem Fuß von einem rutschigen Stein ausgeglitten und hatte sich dabei ein wenig den Knöchel verknackst. Schon war ich bei Franz und stützte ihn auf den letzten Metern. Das auftreten bereitete ihm arge Schmerzen und so musste Franz sich notgedrungen mit einem Arm um meine Schultern bei mir aufstützen.

Wir waren nicht ganz dort angekommen, wo unsere Kleider lagen. Ich steuerte mir Franz einen nahegelegenen Baum an, in dessen Schatten wir uns im Gras niederließen. Es war zwar nichts zu sehen, doch Franz schmerzverzerrtes Gesicht machte deutlich, dass er nicht gleich wie ein junges Rehkitz aufspringen können würde. Da unsere zwei Pferde noch immer ruhig in der Nähe standen und somit kein Grund zur Hast bestand, lehnte ich mich mit dem Rücken gegen den Baumstamm und strich Franz, der neben mir lag und außer ein paar Schimpfwörtern noch nichts weiter gesagt hatte, über den Kopf und seine trainierte Brust. Franz schloss die Augen, nahm meine andere Hand in seine Hände und drückte sie leicht. Eine zeitlang betrachtete ich einfach nur seinen Körper, der hier so völlig unverhüllt neben mir lag. Doch gleichzeitig kam ich mir dabei auch etwas schäbig vor.

Dann fielen auch mir die Augen zu und ich nickte leicht ein. Es war ein kolossales Gefühl, so Haut an Haut dazuliegen.

Wach wurden wir, als es weiter entfernt donnerte. Es war schwül geworden.

            „Na, wie geht’s dem Fuß?“ fragte ich.

            „Schon wieder ein wenig besser. Ich hoffe, ich komme damit noch wieder zurück.“

Regina würde ihn bestimmt sicher bis zum Hof tragen, versicherte ich.

            „Wollen wir los?“ fragte Franz und wollte sich schon aufrichten, doch ich hielt ihn an der Hand fest. Mir war noch nicht nach Aufbruch zumute.

Ich drehte Franz auf den Rücken, drückte mich an seine Brust und erwiderte, dass ich erst noch einen Kuss von ihm haben will. – Den bekam ich auch.

Franz umarmte mich und streichelte sanft mit einem Hand über meinen Rücken. Lediglich ganz sachte strichen seine Fingerspitzen meine Wirbelsäule entlang. Es fühlte sich wahnsinnig an. Ich wagte kaum zu atmen, schob meinen Körper noch weiter vor, bis ich direkt auf Franz lag. Eine Hand hatte zunächst meinen Po getätschelt, dann spürte ich neugierige Finger, die sich an eine Stelle vorwagen, welche so noch von niemanden sonst auf diese Art berührt worden war. Ich zuckte unwillkürlich zusammen und Franz hielt inne, doch dann entspannte ich mich wieder.

Dieser Nachmittag war der pure Sinnes-Wahnsinn. Ich bin so erregt gewesen, dass ich sicher keine Einwände gehabt hätte, wenn Franz versucht hätte, sich mit mir zu vereinen.

Dann donnerte es erneut, nun schon bedeutend lauter und näher. Schon trafen die ersten Regentropfen meine Kehrseite. Der Zauber war vorbei.

            „Wow.“ brachte ich nur hervor und setzte mich auf. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Waren es Minuten oder Stunden? Ich war so unglaublich glücklich, aufgedreht und durcheinander. Es ist so schön mit Franz - diese Küsse, die so anstrengend wie ein Marathonlauf sind, die einem den Atem rauben bis man völlig außer Atem niedersinkt. Ich spürte, dass es Franz ähnlich erging, sein Gesicht war richtig rot geworden und ich nahm an, ich sah ähnlich aus.

 Mir war ganz heiß geworden und ich hätte fast schon wieder zum abkühlen in den See springen können. Franz stand auf und belastete vorsichtig den Fuß, dann humpelte er an meiner Seite zu unserem Wäschehaufen.

            „Was für ein reizendes Fleckchen Erde.“ murmelte Franz sich umblickend und bückte sich dann nach seiner Hose.

Ehe wir wieder auf Gut Johannisfelden ankamen, war das Wetter komplett umgeschlagen, plötzlich war Wind aufgekommen und dann prasselte auch schon ein schwerer Regen hinab. Triefend nass kamen wir schließlich an und brachten die Pferde in den Stall. Und dann stand auch schon Tante Gertrud hinter uns.

            „Ihr wusstet doch, dass es Regen geben würde. Wenn ihr so weitermacht, holt ihr euch noch den Tod.“

Während wir die Tiere mit Stroh trocken rieben, ließ sich Tantchen noch ein wenig über unsere jugendliche Unvernunft aus. Doch bald merkte sie, dass sie bei mir nichts erreichte. Ich grinste noch immer überglücklich vor mich hin, tauschte verliebte Blicke mit Franz aus und fühlte mich wahnsinnig unverwundbar.

Kurz darauf saßen wir in der Küche, hatten trockene Kleidung an und vor uns eine Tasse Tee. Tante Gertrud hat Franz Fuß mit einer festen Binde versehen, damit das Gelenk ruhiggestellt bleibt.

Das Gewitter hat sich nicht verzogen, vielmehr regnet es sich ein. Mit etwas Pech werden wir morgen wohl auf dem Weg zum Bahnhof erneut sehr nass werden. Ich werde jetzt mal versuchen, ob nicht auch zwei Leute auf die Couch passen.

Mittwoch, 31. Mai 1944

Franz und ich sind am Sonntag gut heim gekommen. Onkel Richard hatte vormittags den Zweispänner bereitgemacht und uns damit nach Böllbach zum Bahnhof gebracht. So konnte Franz seinen Fuß schonen.