TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Februar 1944

Donnerstag, 03. Februar 1944

Franz hat ab jetzt immer donnerstags seinen Sportabend. Es war für ihn die einzige Möglichkeit, um irgendwelche Wehrertüchtigungskurse zu umgehen. Jetzt muss er halt den Spitzensportler mimen. Ich kann ihn mir als Turner oder Leichtathlet kaum vorstellen.

Mama hat sich sehr gefreut, als Franz im Hause war und ihn gleich zum Abendessen dabehalten.


Freitag, 18. Februar 1944

Gerade sitze ich im Lesesaal der Unibibliothek, habe aber nicht die geringste Lust, jetzt noch die vor mir liegenden Fachbücher aufzuschlagen. Irgendwann will bald die Jana vorbei kommen. Dann machen wir uns auf den Weg zum Versteck.

Gestern war wieder ein wundervoller Abend. Gegen vier Uhr am Nachmittag kam Franz vorbei und mit sich brachte er ein Buch, das eigentlich gar nicht mehr existieren dürfte, da es „wider den Deutschen Geist“ ist: Erich Kästners „Tolle Ente“.

Da Franz vom Sport ziemlich erschöpft war, hatte er sich auf die Tagesdecke auf meinem Bett gelegt und angefangen, mir vorzulesen. Ich war mir nicht so ganz sicher, ob ich mich nun zu ihm aufs Bett begeben sollte oder lieber nicht. Ich weiß noch immer nicht, wie nahe ich ihm kommen darf.

Selbst ein freundschaftliches In-den-Arm-nehmen ist immer mit etwas Befangenheit verbunden. Wie gern würde ich Franz mal so richtig drücken und festhalten.


Dienstag, 22. Februar 1944

Zusammen mit Elke und Gudrun saß ich heute Mittag im Speisesaal der Universität. Gudrun erzählte, dass ihr Bruder, Sigi und Franz am kommenden Wochenende scheinbar zu einer Versammlung des Studentenbundes nach Berlin fahren wollen. Mir gegenüber hatte Franz hierzu noch nichts erwähnt und als ich mich wundernd darüber äußerte, zuckte es in Elkes Mundwinkeln und sie entgegnete spitz: „Tja, nicht ganz so zuverlässig, die Herren.“

Langsam ärgert es mich, dass ich mich weder bei Elke über Franz auslassen, noch umgekehrt mich mit Franz über Elke unterhalten kann, ohne dass es fiese Seitenhiebe gibt.

Freitag, 25. Februar 1944

Franz ist in der Tat in Berlin als Abgesandter der Universität. Wie er gestand, aber mehr aus persönlichen denn politischen Gründen. Es war einfach so, dann noch einige Plätze frei waren und das Ganze auf Kosten der Universität stattfindet. Franz hat in Berlin Verwandte, bei denen er vorbeischauen will und das soll er ruhig. Ich habe keinen Anspruch darauf, dass er ständig zu meiner Verfügung steht. Am Sonntag kommt er wieder zurück.

Sonntag, 27. Februar 1944

Jana und ich waren heute am Hauptbahnhof und haben auf den Zug aus Berlin gewartet. Auch der Sigi ist dort gewesen und Jana konnte es kaum mehr erwarten, ihn wieder zu sehen. Völlig hibbelig stand sie neben mir in der großen Empfangshalle und als dann endlich eine nicht zu übersehende Gruppe Studenten aus der Unterführung die Treppe hinauf kam, da lief sie los und warf sich ihrem Herzblatt in den Arm. Ich folgte ihr und erblickte Franz in der Menge. Da er mich erblickte, warf er den Rucksack zu Boden, kam mit schnellen Schritten auf mich zu und umarmte mich fest und ausdauernd. Wir hatten beide kein Wort hervorgebracht, Franz sah mich dann an und streifte mir schmunzelnd eine Haarsträne aus dem Gesicht und meinte dann: „Toll, dass du gekommen bist.“

Dann waren auch schon Jana und Sigi neben uns, beide breit strahlend und eng umschlungen. Als wir den Bahnhof verließen, legte Franz wie selbstverständlich den Arm um meine Taille. Die Jungs waren von der langen Zugfahrt erschöpft und hatten beide, wie Jana grinsend feststellte, eine Wäsche nötig. So trennten wir uns alsbald wieder und verabredeten uns für später im Café Vaterland, wohin Jana und ich schon mal vorausgingen.

Bis in den Abend hinein erzählten uns die Jungs von Berlin.