TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Dezember 1943

Freitag, 10. Dezember 1943

So langsam kann man den Weihnachtsvorbereitungen nicht länger aus dem Wege gehen. Seit Anfang der Woche besuche ich wieder die Vorlesungen an der Universität, allerdings begebe ich mich nun nicht mehr per Fahrrad dorthin, sondern mit dem Omnibus. Abends sitze ich derweil im Wohnzimmer am Kamin und versuche mit Mamas Hilfe einen flauschigen Schal zu stricken. Er soll ein Weihnachtsgeschenk für Franz werden und ich hoffe, ich werde damit fertig. Ich glaube, dass der Umgang mit Stricknadeln nicht so recht das richtige für mich ist.

Donnerstag, 23. Dezember 1943

Gestern war der letzte Tag an der Universität, dort geht es nun erst am Montag, den 3. Januar weiter. Heute Nachmittag geht es noch einmal in die Stadt. Ich will in das Licher’sche Schreibwarengeschäft in der Langeholzgasse, um dort ein Geschenk für Vater abzuholen. Um fünf Uhr wollen Franz und ich uns im Café Vaterland treffen.

Im Treppenhaus traf ich auf Johannes, Vaters Chauffeur. Ich fragte ihn, ob er noch etwas in der Innenstadt zu erledigen hätte, doch er verneinte. Aber er wies darauf hin, dass Herr Petersen, der Buchhalter gleich einige Journalbücher zum Steuerprüfer bringen würde. Zehn Minuten später saß ich auf dem Beifahrersitz des kleinen Tempo-Transporters mit dem STF-Schriftzug auf den Seiten. Ich weiß gar nicht, wieso Vater sich so ein Gefährt für die Firma besorgt hat. Der Wagen hatte nur drei Räder, eine äußerst kleine Ladefläche und es soll schon vorgekommen sein – einige Dellen am Wagen scheinen es zu bezeugen – dass man mit diesem Fahrzeug nicht zu schnell durch enge Kurven fahren darf, da man sonst womöglich plötzlich auf der Seite liegt. Nichtsdestotrotz waren die Tempowerke in Hamburg-Bostelbek hochzufrieden und verkauft neben dem Dreirad auch etwas größere Laster und sogar einen Kübelwagen. All das erzählte mir Petersen auf dem Weg in die Stadt und ich vermute fast, dass er es war, der dafür sorgte, dass so ein Auto beschafft wurde.

Nachdem mich Petersen abgesetzt hatte, bummelte ich zunächst über den Weihnachtsmarkt, der um den Dom, die Kreuzkirche und die Aegidikirche aufgebaut worden war.

Die Stände waren nicht mehr so reichhaltig bestückt wie vor dem Krieg, doch trotzdem vergisst man fast, wie es nur wenige hundert Kilometer entfernt aussieht. Herr Guschlag, der Kunstschmied hatte auch wieder seinen Stand aufgebaut, an dem er zusammen mit seiner Frau stand. Die beiden hatten eine harte Zeit hinter sich. Ich war zusammen mit Benni und Paula, Zwillingen, das letzte halbe Jahr hier in Breslau auf dem Gymnasium gewesen. Benni wurde direkt im Anschluss von der Armee eingezogen und nach Frankreich geschickt. Während er fort war, wurde Paula sehr krank, wahrscheinlich Krebs, und starb vor zwei Monaten. Von Benni kam jedoch auch schon seit Monaten kein Lebenszeichen mehr. Ich habe mich kurz mit den Eltern unterhalten und bin dann weiter, über die Kaiserbrücke in die Innenstadt. Das Schreibwarengeschäft lag in einer kleinen Gasse. Herr Licher war ein alter Mann, der den Laden schon seit vielen Jahren innehatte. Als ich eintrat, stand allerdings eine junge Frau hinter dem Tresen. Aber nachdem sie den vorbestellten Füllfederhalter nicht fand, holte sie den alten Chef. Wenig später trat ich mit einem kleinen Karton und einigen RM weniger wieder auf die Straße. Ein Blick zur Rathausuhr ließ mich meine Schritte beschleunigen. Kurz vor fünf erreichte ich das Café Vaterland. Es wird von Anna Runde betrieben, die seit vielen Jahren mit Vater bekannt ist. Das Café war mäßig besetzt und Franz war noch nirgends zu sehen. Ehe ich auch nur drei Schritte in das Lokal gesetzt hatte, kam Anna schon auf mich zu und begrüßte mich überschwänglich. Wir setzten uns an einen kleinen Zweiertisch in einer Ecke und sie erkundigte sich, wie es meinen Geschwistern und meinen Eltern geht. Ich erzählte ein wenig, auch von meiner Krankheit, die mich gut einen Monat ans Bett gefesselt hatte.

Dann kam auch schon der Franz durch die Tür und steuerte auf unseren Tisch zu. Anna erhob sich, begrüßte ihn und verschwand geschwind, um uns je eine heiße Schokolade zuzubereiten. Kurz nach Franz kam auf einmal Professor Heisener durch die Tür und verlangte an seinen reservierten Platz gebracht zu werden. Franz und ich beobachteten seinen Auftritt kopfschüttelnd. Als Anna an unseren Tisch kam erzählte sie leise, dass der Heisener des öfteren einen Tisch bestellte und mit Parteifunktionären der NSDAP traf.

Wir blieben gut eine Stunde im Café, dann wurde es für uns beide Zeit, wieder heimzukehren. Ehe wir uns trennten fragte Franz mich, ob ich nicht mit ihm am heiligen Abend zur Christmette in den Dom kommen wolle. Da ich mir sehr sicher bin, dass Mama und Vater den Besuch im Dom schon lange vor Augen haben, sagte ich kurzerhand zu.


Samstag, 25. Dezember 1943

Das Weihnachtsfest ist vorüber und nach einem festlichen Mahl sitze ich nun in Ruhe an meinem Schreibtisch. Wir haben dieses Jahr kaum Verwandte zu Besuch im Haus, nur Tante Katharina mit ihrem Mann Georg sowie Mamas alleinstehende Schwester Tante Franziska. Auch diese drei haben sich jetzt zurückgezogen.

Gestern Abend fuhren wir zu sechst in zwei Wagen zur Spätmesse zum Dom. Ich war etwas aufgeregt wegen Franz. Als der dann festlich gekleidet vor mir stand, wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte. Offensichtlich gefiel Franz aber auch mein Kleid, denn er begrüßte mich mit einem: „Himmel, was für eine Augenweide.“ Dann umarmten wir uns, vielleicht etwas länger als es schicklich wäre, und wünschten uns frohe Weihnachten. Die nachströmenden Besucher drängten uns schnell weiter und ich sah mich um, damit ich den Anschluss an meine Eltern nicht verlieren würde. Weiter vorn sah ich Mama und ich wollte schon auf sie zustreben, doch sie winkte ab und schüttelte lächelnd den Kopf. Franz nahm meine Hand und zog mich zur Treppe, die auf die Empore führte. Auch da oben war es schon recht voll, doch wir fanden noch zwei Plätze. Dort konnte ich Franz sein Geschenk überreichen und auch er drückte mir eine kleine Schachtel in die Hand. Darin eine Kette mit einem Silberanhänger in Form eines Halbmondes.

Viele Worte des Dankes konnten wir dann gar nicht mehr austauschen, da der Gottesdienst begann. Hinterher begrüßten Mama und Vater Franz und dann musste ich mich auch schon wieder von ihm verabschieden.  Es war irgendwie ein komisches Gefühl, ihn so alleine zu lassen.


Mittwoch 29. Dezember 1943

Heute Nachmittag trafen wir uns zu fünft bei Jana. Es waren noch Franz, Gudrun und Hermann da. Janas Tante war bei Bekannten zu Besuch, so hatten wir die Wohnung für uns und saßen alle in der warmen Küche. Wir hatten eine Menge Spaß.