TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

April 1943

Sonntag, 11. April 1943

Der heutige Tag erscheint mir als einer der schwärzesten in meinem bisherigen Leben. Quasi schnell wie ein Blitz tauchte heute beim Baden an der Kern-Fischer-Wiese ein Mädchen auf und hat sich an den Franz herangemacht, - oder er sich an sie, ich weiß nicht genau.

Am letzten Mittwoch rief Jana bei uns an. Sie hatte zunächst den Buchhalter Petersen am Apparat und gab sich ihm gegenüber als Gräfin von Lüderitz aus. Er wollte soeben eine Nachricht für mich notieren, doch da kam ich gerade von der Arbeit nach Hause.

            „Eine Gräfin von Lüderitz.“ flüsterte er und reichte mir den Hörer.

Jana lud mich für den nächsten Sonnstag zum Baden an die Oder ein.

            „Bring ruhig die Elke mit, dann wird es eine bunte Mischung. Ihr Eberhard wird auch da sein und noch ein paar von der Universität.“

In Geiste ging ich jene Leute durch, mit denen Jana an der Uni zu tun hatte. Eine bange Frage brannte auf meinen Lippen.

            „Kommt der Franz auch?“ brachte ich hervor und konnte mir Janas schelmisches Grinsen vorstellen.

            „Ich habe mit dem Sigi gesprochen, der wollte Franz fragen, ob er auch Lust hat.“

Damit war ich schon zufrieden und hoffte nur, dass Sigi es auch schaffen würde, Franz mitzubringen. Jana bat mich noch, einen kleinen Feldkocher auszuleihen. Vater erlaubte mir natürlich, dass ich einen Kocher aus seiner Fabrikation mitnehmen konnte.

Na ja, heute morgen bin ich dann mit dem Rad durch die halbe Stadt geradelt, habe unterwegs noch die Elke abgeholt und dann ging es über die Universitätsbrücke, Rosenthaler und Oswitzer Straße am Odertor-Bahnhof vorbei Richtung Norden stadtauswärts. Nach Überquerung der Rathenaubrücke, die zunächst den Schiffskanal, dann den Flutkanal und letztendlich die sogenannte Breitenbachfahrt überspannte bogen wir linksherum ab auf die Oswitzer Chaussee, welche an der Kern-Fischer-Wiese vorbeiführt.

Elke und ich waren nicht die ersten. Ich erkannte Jana und Paul, direkt am Wasser standen Gudrun und Hermann Bailac und gleichzeitig mit uns kamen aus einer anderen Richtung Paul und Joachim aus den LHB-Werken an. Unser kleiner Verein war nicht alleine. Zahlreiche Menschen hatten sich auf den weitläufigen Anlagen eingefunden, um einen ruhigen Sonntag zu erleben.

Bald kamen auch Sigi, Franz und Eberhard herangeradelt. Im Laufe des Vormittages wurde es rasch wärmer und manch einer sprang zur Abkühlung in die Oder. Ich selbst ließ mir nur ein wenig die Füße umspülen, da ich an diesem Wochenende mit einer regelmäßig wiederkehrenden Unpässlichkeit zu kämpfen hatte.

Gegen Mittag wurde es ruhiger und einige dösten auf ihren Handtüchern einfach vor sich hin. Elke und Eberhard versuchten drüben mit  dem Feldkocher etwas zu Essen zuzubereiten.

Jana und ich hatten uns in den Schatten eines Baumes gesetzt und ein bisschen gequatscht. Dann kam Franz zurück aus dem Wasser und in unsere Richtung. Es war heute das erste Mal, dass ich ihn so leicht bekleidet sah. Sein muskulöser Oberkörper und die kräftigen Oberarme bestätigten seine sportliche Ader. In diesem Moment konnte ich meinen Blick nicht von Franz wenden, er wirkte wie ein vollkommener Athlet. „Was für ein Körper“ dachte ich mir. Dann hatte Franz sich schon zu uns auf den Rasen gesetzt.

            „Das ist ein famoses Wetter heute, meint ihr nicht auch? Das Wasser ist nicht zu kalt. Oder wart ihr noch gar nicht drin?“

Ich schüttelte nur den Kopf, während Jana antwortete, dass sie sich zunächst noch einen netten Burschen suchen wolle, der sie notfalls aus dem Wasser retten würde.

Franz deutete auf all die Badegäste und meinte, dass dort doch sicherlich einer darunter sein müsste. Dann fragte er mich plötzlich: „Sag mal, was starrst du mich eigentlich so an? Sitzt meine Nase heute nicht richtig?“

Etwas zu unwirsch erwiderte ich, dass ich ihn keineswegs anstarren würde, worauf er grinsend antwortete: „Nee, wirklich nicht.“

Jana nahm sich fürchterlich zusammen, um nicht aufzulachen, während ich mich innerlich schalt, nichts gescheiteres vorgebracht zu haben. Plötzlich wurde es still, Franz schien  uns auf einmal überhaupt nicht mehr wahrzunehmen und blickte starr an uns vorbei.

            „Holla, wer ist das denn? Habt ihr dieses Geschöpf eingeladen?“

Jana und ich wandten die Köpfe herum und schon sprang Jana auf und rief: „Julia, wie schön, dass du gekommen bist.“ Jana schien noch eine weitere Bekannte aufgetrieben zu haben und lief einem großen Mädchen in grauer Bluse und einem grünen wadenlangen Rock entgegen.

Die beiden liefen zu Gudrun und Hermann, die ein Stück entfernt unter einem Baum lagen und sich mit Joachim unterhielten. Sie schienen sich gut zu kennen. Jetzt war Franz es plötzlich, der zu starren schien.

„Himmel, wer ist das?“ murmelte Franz.

            „Julia.“ brachte ich nur hervor und besah sie mir näher. Ich muss zugeben, sie ist unglaublich hübsch. Blond, hoch aufgeschossen, bestimmt einsfünfundsiebzig, ein anmutiges Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem sanftmütigen Blick. Nachdem sie sich umgezogen hatte, wusste auch der letzte Besucher auf der Wiese, dass an ihrem Körper kein Gramm Fett zuviel war.

Franz schien die Welt um sich herum vergessen zu haben und ich war froh, als Elke sich zu uns setzte und losplapperte, sie wisse jetzt, wieso unsere Jungs den Krieg verlieren würden. Sie verhungerten, weil nämlich unsere kleinen Kocher zu schwer zu bedienen wären. Ich entgegnete, dass der Kocher doch brennen würde. „Ja“, strahlte Elke, „Eberhard ist ein echtes Naturtalent.“

„Klar“, erwiderte Franz etwas abwesend.

Dann kamen Jana und Julia zu uns und Jana stellte sie vor. Franz fragte Julia dann, ob sie nicht ins Wasser wolle und ehe man sich versah, waren die beiden schon in der Oder und planschten herum.

Zu meinem Entsetzen waren die zwei den Rest des Tages nahezu unzertrennlich und ich litt. Elke merkte das und versuchte den ganzen Nachmittag dafür zu sorgen, dass ich  abgelenkt war. Irgendwie gelang es ihr auch und ich warf den Gedanken von mir, einfach wieder Heim zu fahren. Als es dämmerte, entzündeten die Jungs ein Lagerfeuer, jemand hatte Tee gekocht und so saßen wir alle um das Feuer herum im Sand. Ich saß Franz und Julia durch das Feuer getrennt gegenüber, die beiden hockten wie selbstverständlich nebeneinander und lachten und kicherten vor sich hin. Als sie scheinbar etwas fror, lief Franz zu seinem Rucksack und reichte Julia seinen Pullover. Neben mir war Elke, die jedoch neben sich noch ihren Eberhard hatte, während auf der anderen Seite Paul und Hermann über irgendetwas Technisches unterhielten, von dem ich nichts verstand und so blickte ich vor mich hin ins Feuer. Auf einmal setzte sich Jana zu mir, einer Blechtasse voll Tee, die sie mir in die Hände drückte. Dankend nahm ich einen Schluck und merkte, dass auch mir allmählich kälter wurde. Jana legte einen Arm um meine Schultern und fragte dann, was los sei. Ich deutete nur knapp auf die andere Seite des Lagerfeuers.

            „Aha.“ Mehr sagte sie nicht. Sie wusste  bestimmt, welche Gedanken mich umtrieben, ich hatte sie schließlich oft genug über Franz ausgefragt.

            „Wer ist sie?“ fragte ich.

Jana holte tief Luft, sammelte sich und begann dann leise zu erzählen.

„Das ist Julia Friedrich. Sie ist aus Oppeln, vor zehn Jahren nach Breslau gekommen. Ihr Vater ist, - war Zahnarzt. Er darf nicht mehr praktizieren. Ab und zu flickt der Friedrich privat Bekannten die Zähne zurecht und bekommt dafür ein wenig zu essen. Ansonsten leben sie versteckt bei einer Familie im Haus an der Schweidnitzer Straße. Sie ist ein liebes Mädchen.“

Ich brauchte einen Moment, um das Gehörte zu verstehen glaubte. Jana sah ich fest in die Augen und fragte: „Warum?“

            „Sie sind Juden!“ erwiderte sie tonlos.

Wenig später machte sich Julia auf den Heimweg und ich bekam mit, dass Franz ihr anbot, sie nach Hause zu bringen, sie dies jedoch ausschlug. Als sie Franz dann einen Abschiedskuss auf die Wange drücke, wünschte ich mich weit weit weg, mindestens bis Afrika oder Sulz am Eck. Ich stand auf und lief hinunter zum Ufer und hätte schreien können vor Wut, Trauer und Verzweiflung. Wieso habe ich es nur nicht fertig gebracht, Franz zu sagen oder ihm zu zeigen, wie gern ich ihn habe? Ist dies jetzt die Strafe für meine Feigheit? 

Jetzt kann ich nicht schlafen, mir ist nach Stunden noch immer zum Heulen zumute, obwohl selbst die Tränen irgendwann versiegen müssten? In wenigen Stunden klingelt schon wieder der Wecker... Das wird ein harter Tag morgen.

Freitag, 16. April 1943

Die vergangene Woche war recht anstrengend gewesen. Wir hatten bei LHB eine Menge zu tun und ich habe von Montag an bis heute jeden Tag zwei Überstunden gemacht. Danach fiel ich abends fast wie tot ins Bett. Doch so viel hat mir das nicht ausgemacht, da ich somit immerhin etwas um die Ohren hatte und nichtgroßartig ins Grübeln kam, wie wohl die Geschichte mit Franz und dieser Julia Friedrich weitergehen mag. Eigentlich lag gestern Abend ein Treffen beim Blauen Ring an, doch wegen der Arbeit konnte ich da nicht hin. Und ich wollte auch gar nicht so recht. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich jetzt dem Franz gegenübertreten soll. Ich warte erst mal ab. Sonntagabend kommt Elke zu Besuch, dann kann ich mich mit ihr über diese Thema austauschen, ich hoffe, sie hat einen Rat für mich.


Sonntag, 18. April 1943

Gestern Abend hatte Vater einen Empfang bei uns daheim gegeben und er bestand darauf, dass auch ich mit meiner Anwesenheit glänzte. Große Lust hatte ich eigentlich nicht, aber mangels alternativer Wochenendpläne auch keinen Grund zum Nichterscheinen. Es waren zumeist Geschäftsfreunde meines Vaters gekommen, eine Menge Leute in teuren Anzügen, aber auch etliche Uniformträger. Ich trug ein zugegebenermaßen elegantes Kostüm und nach zahlreichen bewundernden Kommentaren gefiel ich mir immer mehr in der Rolle der Tochter des Gastgebers.

Es ergab sich dann eine etwas sonderbare Begebenheit. Mutter wollte mich unbedingt dem zweiten Bürgermeister vorstellen. Sie schleppte mich also zu ihm hin, ich sagte artig „Guten Tag“ und schon wandte er sich wieder ab. Dafür stand ich jetzt seinem Adjutanten gegenüber und stutzte kurz.

            „Baroness von Hohenwaldt? Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Alexander Goretzky ist mein Name. Ich bin der Sekretär des zweiten Bürgermeisters.“

Ich entgegnete irgendeine Begrüßung und kam nicht drauf, woher ich diesen Menschen kannte. Aber sein Gesicht war mir irgendwie bekannt und ich hatte ich das seltsame Gefühl, ich würde ihn schon seit Ewigkeiten kennen. Auf meine Frage, ob wir uns schon einmal begegnet wären, antwortete er ausweichend, das dies sicherlich sein könne, womöglich wären wir uns bei einem ähnlichen Anlass hier im Hause über den Weg gelaufen oder auch bei einer Veranstaltung im Rathaus.

Ehe ich das Gespräch weiter vertiefen konnte, wurden wir beide von umstehenden Gästen in Beschlag genommen. Leider kam ich nicht mehr dazu, vor seiner Abfahrt ein weiteres Wort mit dem Sekretär des zweiten Bürgermeisters zu wechseln.

Heute Morgen habe ich dann erst mal lange ausgeschlafen. Gleich gibt es ein leichtes Mittagessen und am Nachmittag werde ich mich wohl mal wieder im Musikzimmer an den Flügel setzen und zusehen, dass meine Fertigkeiten auf den Ebenholztasten nicht einrosten.