TSCHAKKA, DU SCHAFFST ES
Das Tagebuch der Nadine von Hohenwaldt

Juli 1942

Derna, Libyen
Mittwoch, 15. Juli 1942

In der letzten Nacht hatte ich einen etwas merkwürdigen Traum. Ich sah, wie ich selber mein Tagebuch las. Aber irgendwie war ich es nicht wirklich, eher eine Zwillingsschwester oder eine Ahnin, die diese Geschichte lesen will. Ich bin mir nicht so ganz sicher wieso, aber es war so unglaublich real, dass ich mich jetzt dransetzen werde um ab heute dieses Tagebuch zu schreiben.

Seit rund einem Monat bin ich jetzt als Lazaretthelferin zusammen mit einem Dutzend weiterer Schwestern in Derna, einem kleinen Hafenstädtchen am Mittelmeer im Norden von Libyen. Cyrenaika wird diese Gegend genannt. Neben dem Lazarett mit einer speziellen Seuchenabteilung für Ruhrkranke gibt es in diesem Örtchen die Ortskommandantur 960, das Lehrgeschwader 1, das Zerstörgeschwader 26 sowie das Stukageschwader 1. Derna liegt direkt am Meer, zum Landesinneren geht es über eine kurvige Straße hinauf auf ein Plateau.  Dort oben verläuft die Straße von Bengasi nach Tmimi und weiter gen Tobruk. Jene Hafenstadt wurde vor drei Wochen, am 21. Juni von unseren Jungs erobert.

Gestern war mein 18. Geburtstag und so alleine und verloren wie dieses Mal habe ich mich noch nie gefühlt. Kontakt nach Hause habe ich so gut wie keinen, Briefe brauchen, wenn man Pech hat drei Wochen. Ich habe mich gestern nach dem Dienst etwas vom Ort entfernt und mich am Strand auf einen Stein gesetzt und nachgedacht. Zeit für sich selbst hat man kaum. Die Arbeit im Lazarett beginnt früh und endet meist spät, tagsüber ist es so unglaublich heiß, dass jeder, der kann, sich einen schattigen Platz sucht und einfach abwartet. Ich habe es nicht für möglich gehalten, wie viel ich schwitzen könnte. Immerhin haben wir hier genug zu trinken. Meist Tee aus abgekochtem Wasser, manchmal auch Limonade. Die Soldaten, die bei uns im Lazarett liegen, erzählen viel vom Durst und der Hitze. Und von dem Wassermangel. Es werden Waschverbote ausgesprochen, selbst zum Zähne putzen kamen die Männer nicht. In einem entsprechend schlechten Zustand kommen sie dann auch hier an. Ehe unsere Ärzte dann mit der medizinischen Versorgung beginnen, werden die Patienten zunächst einmal einer Intensivreinigung unterzogen. Wer dann womöglich zur Zahnstation von Doktor Brosch muss, der hat sogleich das Vergnügen zu erleben, wie dessen Chamäleon die Praxis fliegenfrei hält. Auch bei uns im Lazarett sind die Fliegen ein Problem, trotz engmaschiger Fliegengitter vor Fenster und Türen verirren sich die Biester immer wieder ins Innere.  

Ich muss jetzt los, in einer Viertelstunde beginnt mein Spätdienst. Zuvor dusche ich noch, wobei das abtrocknen danach so anstrengend ist, dass mir gleich wieder die ersten Schweißperlen auf der Stirn stehen werden.

Derna, Libyen
Dienstag, 28. Juli 1942

Gestern hatten wir als Neuzugang im Lazarett unter anderem einen Piloten namens Peter Schröder. Er ist mit seiner Aufklärungsmaschine unterwegs gewesen und wurde auf dem Rückweg von Tobruk nach Bengasi abgeschossen. Sein Absturz wurde von einer Einheit des Afrikakorps beobachtet und so gelangte er zu uns. Sehr schlimm hat es Schröder nicht erwischt, ein paar Kratzer und Schrammen und eine Gehirnerschütterung.

Als ich heute mittag im Saal beim Verteilen der Medikamente war, lag Schröder in seinem Bett und pfiff vor sich hin. Es war ein altes schlesisches Lied, dass erkannte ich. Wir hatten es beim BDM gelernt und so sang ich leise die letzte Strophe mit.

            „Oh, eine Landsmännin?“ fragte er.

„Eine waschechte Lerge.“ antwortete ich. Es stellte sich heraus, dass Schröder aus Breslau stammte. Dorthin waren meine Eltern erst vor gut einem halben Jahr gezogen. Doch davon später mehr.

Für morgen ist eine Fahrt in Richtung Frontlinie angesetzt. Mit zwei Fahrzeugen sollen wir einige Verwundete von einem Verbandsplatz der Sanitätskompanie 1/200 abholen und nach Derna bringen. Wir werden zu viert aufbrechen, drei Sanitätsoffiziere, der Truppenarzt Dr. Geyser und ich. Da die Abfahrt noch heute Nacht erfolgen soll, habe ich jetzt einige Stunden zum ausruhen und ich will diese Zeit nutzen, kurz zu umreißen, wieso ich mit diesem Tagebuch begonnen habe.

Vielleicht weiß nur Gott alleine weshalb, doch ich glaube fest daran, dass ich nicht alles umsonst niederschreibe.

Womöglich wird es auch keine so lange Abhandlung. Ich kann noch immer nicht den Besuch bei der Wahrsagerin vergessen. Diese prophezeite mir vor vier Jahren, dass ich nicht alt werden würde. Na ja, das hätte ich womöglich mit vielen der Soldaten hier unten gemein, manch einer ist in meinem Alter.

Im Sommer des Jahres 1937 kam das letzte Mal ein Circus nach Böllbach.  Für uns Kinder, aber auch für die Älteren, war das immer wieder ein tolles Erlebnis gewesen, wenn die Wagen über die Dorfstraße zum Sportplatz am Capellenwald zogen und später das Zelt auf die Masten gezogen wurde. Diese kleine Wohnwagenstadt mit ihren ungewohnten Gerüchen, Sprachen und zum Teil befremdlich aussehenden Menschen zog so manches Kind schon vor der Vorstellung in die Nähe. Natürlich waren auch Elke, Tine und ich dabei, auch wenn wir in diesem Jahr schon zu den „älteren“ gehörten. Wir hatten schnell herausgefunden, dass die Circusleute nicht viel dagegen hatten, wenn wir auf dem Gelände herumstreunerten, neugierig versuchten, einen Blick in die Manege zu werden, wo die Künstler für ihren Auftritt probten oder den draußen arbeitenden Dompteuren oder Tierpflegern zuzugucken.

Etwas abseits, so, als ob er gar nicht so richtig dazugehören  sollte, stand ein sehr alter Wohnwagen. Auf der Treppe, die zur Tür am hinteren Ende hinaufführte, saß eine Frau in sehr bunter Tracht. Auch sie machte den Eindruck, nicht viel Jünger als der Circuswagen zu sein. Die Alte hatte langes, graues Haar, das früher einmal sicherlich eine imposante blonde Mähne gewesen war. Die vielen Falten in ihrem Gesicht und ein nicht böser, aber irgendwie grimmig wirkender Blick, der durch eine dickglasige Hornbrille gestärkt wurde ließen uns hier nicht lange verweilen. Schon wollten wir drei unsere Schritte in eine andere Richtung lenken, da murmelte Elke: „Das muss die Wahrsagerin sein. Auf dem Plakat steht, dass sie sich noch niemals geirrt haben soll.“

            „Ihr könnt ruhig näher kommen, wenn ihr keine Angst vor eurer eigenen Zukunft habt.“ rief da die alte Frau.

„Äh…“ setzte Tine schon an und man merkte, dass sie sich unwohl fühlte und lieber nichts über ihre Zukunft wissen wollte.

            „Na, was ist?“

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich da geritten hatte, aber anstatt einfach mit den zwei anderen zu verduften ging ich auf die Frau zu.

            „Wir haben aber kein Geld bei uns.“ wandte ich ein. Da erhob sich die Frau und ich glaubte sogar ein Lächeln in ihrem Gesicht zu erkennen.

            „Nun, vielleicht kann ich ja bei euch eine Ausnahme machen.“

Tine schüttelte den Kopf und auch Elke war sichtlich wenig angetan von dem Angebot. Ohne lange zu überlegen nickte ich und folgte der Wahrsagerin in ihren Wagen. Im Inneren war es düster und roch nach irgendwelchen Gewürzen. An den Wänden hingen üppig verzierte Vorhänge und Tücher, einige Zeichnungen hingen an den Wänden. Sie zeigten scheinbar Szenen aus der Bibel, bösartig wirkende Fabelwesen oder Gestalten in merkwürdig anmutenden Trachten.

            „Setz Dich.“ sagte die alte Frau und deutete auf einen Stuhl vor einem alten Holztisch, auf dem mehrere Kerzen, ein Stapel Spielkarten und eine Kristallkugel lagen. Die Kugel ruhte auf einem Sockel aus einem bläulichen Stein. Ich nahm Platz und wartete auf das, was da folgen würde. Nachdem sie auf einem kleinen Bord ein Räucherstäbchen entzündet hatte, welches eine Mischung aus Zimt und Lebkuchenaroma verbreitete, setzte sich die Frau auf einen Stuhl mir gegenüber. Sie legte die Hände an die Kristallkugel und sprach Verse in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Ihre Augen waren geschlossen und nach und nach wurde der Rauch des Räucherstäbchens wurde dichter, der Geruch intensiver.

            „Gib mir Deine Hand.“

Ich reichte ihr meine rechte Hand und die Alte besah sich eine Zeit lang die Handinnenseite. Dann berührten ihre eigenen Hände die Kristallkugel und wieder sprach sie etwas aus, was ich nicht verstand. Plötzlich wurde ihr Blick starr und sie stierte scheinbar ewig auf die Kugel.

Als sie mich anblickte und langsam den Kopf schüttelte, wunderte ich mich zuerst nur, doch etwas in ihren Augen machte mir Angst. Sie schien etwas zu wissen, etwas, was mir nicht wohlgesonnen sein würde.

            „Was haben sie gesehen?“ fragte ich vorsichtig.

            „Du wirst  jung sterben, dein Lebenslicht wird viel zu früh ausgelöscht.“

Schwerfällig erhob sich die Wahrsagerin, murmelte ein „Geh nun.“ und verschwand im hinteren Teil ihres Wagens. Ein wenig erschüttert verließ ich den düsteren Wagen und sah mich plötzlich einer sonnendurchfluteten Circuswelt gegenüber. Was um alles in der Welt sollte das bedeuten? Jung sterben? Mit fünfzehn oder mit zwanzig Jahren?

Es dauerte einen Moment, bis ich wieder in der Realität war. Mir war nicht einmal bewusst, wie viel Zeit wohl vergangen war. Ganz in der Nähe saß Elke auf einem Baumstamm, Tine war weg.

            „Na, wie war es?“

Mir fehlten in jenem Augenblick die Worte und so trotteten wir eine ganze Zeit lang schweigend vor uns hin. Mir war zum heulen zumute und das merkte Elke auch. Irgendwann blieb sie stehen und nahm mich einfach in den Arm. Da merkte ich, bei ihr würde ich immer Halt und Kraft finden und dann sprudelte die ganze Sache aus mir heraus. Als ich fertig war, wischte sie mir mit dem Kleiderärmel ein paar Tränen von der Wange und sagte zu mir: „Lass dich davon nicht zu sehr verrückt machen. Für deine Zukunft bist du selbst verantwortlich und der Tod, nun ja, jeder Augenblick im Leben ist ein Schritt zum Tode hin.“

Ganz so leicht, wie Elke sich das vorstellte, war das mit dem Vergessen zwar nicht, aber sie hatte schon recht, es brachte nichts, sich verrückt zu machen. Doch ganz vergessen habe ich diese Episode nie.

Ich muss nun enden. In Kürze geht es zur Zeugausgabe, wo mir die passenden Klamotten für morgen ausgegeben werden. Der hier zu tragende Schwesternkittel wären in der Wüste sicherlich ein wenig fehl am Platze. Wenn ich Joachim, einem der Pfleger, glauben schenken kann, dann erhalte ich quasi die gleiche Uniform wie unsere Soldaten, lediglich ohne Rangabzeichen und mit einer Armbinde mit dem roten Kreuz drauf. Ich bin schon arg aufgeregt.